Geschichten basteln - Teil 3
Bücher gestatten sich ein wenig mehr Vorlauf in einer Szene als zum Beispiel
Filme - gezwungenermaßen, da sie das Geschehen erst einmal vor dem geistigen
Auge des Lesers visualisieren müssen.
Möglichst spät in einer Szene einzusetzen, bedeutet, erst dann in die
Handlung einzusteigen, wenn es für den Leser interessant wird. Es muss nicht
gezeigt werden, wie jemand sich in eine Situation begibt, es sei denn, man will
zeigen, wie nervös die Hauptfigur auf dem Weg in diese Situation ist. So wird
denn auch das Verhalten der Hauptfigur glaubhafter, wenn sie, je nach
Charaktereigenschaft, wegen ihrer Nervosität die Kontrolle über die
Situation verliert oder ihre Ängste bekämpft und die Konfrontation
sucht.
Er kam, sah und siegte.
Ist die Einleitung vollbracht, gilt es im Hauptteil, den Hauptfiguren so viele
Steine wie möglich in den Weg zu legen. Wer mag, und als Schreiber den
nötigen Respekt vor seinen eigenen Figuren hat, kann auch Momente der Ruhe
einbringen. - Nur, um das nächste Hindernis um so heftiger zu gestalten. Das
ist zwar gemein, aber auch spannend für den Leser. Ob man seiner Hauptfigur am
Ende den wohlverdienten Erfolg gönnt, bleibt dem Schreiber der Geschichte
überlassen. In einer Tragödie stellt sich diese Frage nicht. Das schlimme
Ende steht von Beginn an fest. In einem Drama mag man großherzig sein, in
einer Komödie ist eine gute Auflösung ein Muss.
Der kleine Krieger setzt mit seiner Hauptgeschichte recht spät ein. Im Prolog
geschieht zwar vieles, was für den Leser interessant sein könnte, aber
einzig der Grund, warum er sich im Reich der Dreggen befindet, ist wichtig: Die
Suche nach seinem entführten Volk.
Diese Motivation setzt einige Charaktereigenschaften voraus wie Tatkraft,
Abenteuerlust, Geschick, Leichtsinn, Ehrgefühl ... Hinzu kommt, dass Hutzel
Longear nicht der Stärkste ist, was seine Aufgabe schwieriger macht. Er ist auf
Freunde angewiesen, auf die Begegnungen mit anderen Lebewesen. Wie er sich dort
verhält, in der Interaktion, schürt entweder die Sympathie des Lesers oder
seine Abneigung.
Wer selber schreibt und seine Geschichte nicht bis ins letzte Detail plant, wird
wahrscheinlich rein intuitiv eine ähnliche Struktur entwickeln. Unser Wille zur
"Mitleidenschaft" mit dem Helden einer Geschichte ist uns in die Wiege gelegt. Ein
problemloses Leben mag uns als das friedlichste und erstrebenswerteste erscheinen -
aber es wäre für eine Erzählung absolut uninteressant.
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