Geschichten basteln - Teil 2
Die Geschichte des Ebenezer Scrooge ist ein recht schweres Beispiel, denn der
Geschichte liegt zudem ein Thema, eine Moral zu Grunde. Bleiben wir noch wenig bei
dem Leidensweg einer Hauptfigur.
Ob Lachen oder Weinen - leiden muss er!
Es ist unerheblich, ob eine Geschichte dramatisch, tragisch oder komödiantisch
ist, der Charakter wird die Geschichte durchleiden und die Steine, die ihm die
Geschichte in den Weg legt, überwinden müssen.
Dem Start eines Charakters kommt unter diesem Aspekt eine wichtige Bedeutung zu. Ist
er gut oder böse? Ist er von beidem etwas? Sind äußere
Einflüsse daran schuld? Ist er zum Beispiel ein Dieb, weil ihm keine andere
Wahl bleibt? Ist er ein Muster an Rechtschaffenheit oder ein Muster an Leichtsinn?
Ob der Leser nun mit dem Charakter lacht oder weint, der Charakter muss so
aufgenommen werden, dass sein Schicksal interessant genug erscheint. Dies zu
vermitteln, den Charakter in seine Ausgangsposition zu bringen, das ist die Aufgabe
der Einleitung.
Vergessen wir einmal, dass eine Geschichte auch einen moralischen Anspruch haben,
eine Art Gleichnis sein kann. Geschichten wollen heute in erster Linie spannend
unterhalten. Manche Erzähler beginnen zu diesem Zweck ihre Geschichte mit einem
Knalleffekt, der, wenn er zum Aufbau der Handlung beiträgt, seine Berechtigung
besitzt. Als Beispiel mag hier "Unbreakable" (Unzerbrechlich) angeführt werden.
Die Hauptfigur wird auf dem Passagiersitz des Flugzeugs als absoluter Verlierer
vorgestellt. Wenig später ist er der absolute Glückspilz, weil er den
Flugzeugabsturz als einziger überlebt.
Selbst in einer Komödie, die streng genommen, Heiterkeit hervorrufen soll,
leidet die Hauptfigur. Ansonsten ist es für den Leser unmöglich, mit oder
über die Hauptfigur zu lachen. Die Seitenzahl, in der ein Leser die
Entscheidung fällt, ob er gewillt ist, sich für das Schicksal der
Hauptfigur zu interessieren, ist grundsätzlich sehr kurz. Aus diesem Grund gibt
es die Regel des spätesten Beginns einer Handlung oder Szene, was nichts
anderes als der bereits erwähnte Knalleffekt ist. Der Unterschied liegt nur
darin, dass diese Regel während der ganzen Handlung greift und nicht nur zu
Beginn.
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