Der Tempel des Kolra
Nach den üblichen Gesetzen war Kolra dereinst nur ein kleiner Gott, da auch die Dreggen nur ein kleines
Volk waren. Der primitive Tempel lag im Dickicht verborgen, tief in einem Waldgebiet von Materwall. Kolra
besaß ein paar stachelige Hörner, eine vage Mimik und ein langes Gewand.
Das Kernvolk der Dreggen konnte sich unter ihm alles vorstellen, was es wollte. Nur war die Fantasie der
Dreggen nicht besonders ausgeprägt, weshalb es bei Kolras Erscheinung nicht zu mehr Einzelheiten
reichte. Dies schlug sich auch in seinem Tempel nieder. Gerade drei Priester sorgten für die Pflege des
kleinen Bauwerkes.
Dereinst war Kolra einem Dreggen als grünbrauner Nebel erschienen, weniger weil er Anhänger
suchte, mehr aus Langeweile. Denn seit den Kämpfen gegen Gre war eine allzu friedvolle Ruhe in den
Sphären der Götter eingekehrt. Der bekehrte Dreggen hatte fortan das Licht - den grünbraunen
Nebel - gesehen und ihm gelang es auch, zwei weitere Dreggen zu bekehren. Einer der drei, ein einarmiger
Steinmetz, leitete die anderen beim Bau des Heiligtums an.
Mit der Eroberung neuer Landstriche vergrößerte sich auch der Einflußbereich des
Kolra-Kultes. Besaß man auch kein gewaltiges Heiligtum, so wurde wenigstens der Wald rings herum gerodet.
Weithin sichtbar glänzte das mit einem Quarzgestein veredelte Bauwerk im Licht des Tages - und es
lockte sogar neue Gläubige an. Dieser Umstand stellte die drei Priester vor Probleme, weil sie einfach
nicht damit gerechnet hatten. Plötzlich wollten noch mehr Dreggen und andere Volksgruppen Priester
werden! Und so manches besiegte Volk bäumte sich erneut auf, als ihre Götter von Kolra
verdrängt werden sollten.
Die Dreggen besannen sich einer wichtigen Tugend ihrer Vergangenheit: Diebstahl. Wurde einem Volk infolge
eines Raubzuges alles gestohlen, stahl man ihre Götter gleich mit. Kolra schluckte sie und gebar sie
neu. Rein äußerlich hängten die Priester diese Gottheiten Kolra einfach an. Die Priester des
Kolra nannten diese Gottheiten fortan Erscheinungen oder auch Söhne. Bekannt wurden so der
Kraftvolle, der Geduldige, der Schlangenkopf, der Fruchtbare, der Heiler
und - obwohl die Dreggen eigentlich nichts davon halten - das Gewissen.
Kloster des Kolra-Kultes existieren nun in allen Provinzen. Das alte Heiligtum - einst so mühsam unter
der Leitung eines Einarmigen von zwei ehemaligen Taschendieben erbaut - wurde abgetragen und unter einer
Kuppel im Leuchtenden Hort neu aufgestellt. Da jeder fünfte Teil der Opfergaben an das Königshaus
abgeführt wurde, war es ein in jeder Hinsicht rentables Unterfangen.



Toubens Gerüchte: »Oh, großer Gott, deine Kraft half uns,
all die schändlichen und furchtbaren Feinde niederzuringen. Aus der Wüste kam Kolra, Erdbeben und
Macht gingen ihm voraus, Blitz und Donner folgten ihm. Er selbst überstrahlte die Sonne bei Tag und die
Monde bei Nacht. Wo er wandelte, erschuf er das fruchtbare Land, wo er keine Verehrung fand, zerstörte
sein Zorn die Ungläubigen. Seine Söhne weilen unter uns, bewachen und beschützen uns. Am Tage
seiner Wiederkehr wird das Leben zu einem ewigen Fest.«