Die Sinettes
Diese drei Frauen unterliegen nicht der Form. Sie suchen sich das Aussehen, das ihrer Stimmung gerade am
nächsten kommt oder - wie abfällige Zungen behaupten - dessen Mode ihnen am besten gefällt.
Ganz gleich welche Volkszugehörigkeit sie wählen, ihre Stimmen sind so lieblich, dass selbst die
Götter ihnen lauschen.
Vor langer, langer Zeit entfielen den Göttern drei Gegenstände. Vom Hammer des Angstschmied
sprang ein glühender Span hinab in die Welt der Sterblichen. Kolra büßte eine Ecke eines
Zahns während eines Fressgelages ein und Gre verlor eine Schuppe, als er sich zum Schlafen behaglich
auf die Seite rollte.
Eisenspan, Zahn und Schuppe fielen hernieder und der Zufall, wie es ihn nur in hunderten von Millionen
Zyklen einmal gibt, lenkte sie gemeinsam in die kühle, schattige Senke eines Bergsees.
Es plingte, kollerte und klangte und endete mit einem heiteren Platschen in das bis dahin unbewegte
Seewasser. Die Wellenbewegungen waren so harmonisch, dass sie die Aufmerksamkeit einer winzigen
Wassernymphe erregten. Das kleine Wesen tauchte den sinkenden Splittern hinterdrein, die nah beieinander
auf dem Grund nieder gingen.
Magie geht niemals ohne ein Opfer einher. So auch in diesem Fall. Entzückt durch das Glitzern der
drei Gegenstände, wurde die Wassernymphe unvorsichtig und übersah einen großen Fisch. Sie
wich ihm ungeschickt aus und rutschte danach über den Seeboden. Dabei ritzte sie sich die Haut. Ihr
Blut netzte Eisenspan, Zahn und Schuppe.
Eine Erschütterung erfasste den Grund des Sees. Langsam verschwanden die drei Gegenstände
zwischen den aufgerüttelten Gesteinsmassen, rieben aneinander und verschmolzen. Ein Lebensfunke glomm
auf. An zwei Stellen brach der erstarrte Klumpen auseinander. Die einzelnen Teile wuchsen, durchbrachen
die Wasseroberfläche, gebaren metallisch schimmernde Gliedmaßen und Köpfe. Hunderte
Vögel flogen herbei und schenkten den unbekannten Wesen in den Wellen Abbilder ihrer Stimmen. Die
Sinettes waren entstanden.


