Eisriesen
Manche Völker stellen sich die Eisriesen etwas vertrottelt, tumb vor. Andere denken, sie seien
sehr groß, schwarz schimmernd mit Augen so kalt wie Gletschereis. Die erste Vorstellung ist sehr
kindlich. Sie entstand in jenen typischen Situationen, wenn der Nachwuchs nicht so will, wie die
Eltern gerne hätten und sagen: »...holen dich die Eisriesen!« Die zweite Vorstellung
wird vom Grauen genährt, von den Erinnerungen an die, welche in die Eisregionen zogen und nie
zurückkehrten. Oder an jene, deren Überreste man nach vielen Jahren in durchscheinendem
Treibeis entdeckte.
Beides ist falsch. Hutzel Longear würde diese Erfahrung noch machen. Bislang waren sie ihm in
seinen Gedanken so erschienen: Mit riesigem Kopf, eisbedecktem Überwurf und einem mächtigen
Hammer, der jeden Angreifer zertrümmern kann. In Wirklichkeit sind sie beinahe Tiere und nicht
annähernd so groß. Ihre Klauen und Reißzähne sind Waffe genug und ein dichtes
Fell schützt sie vor der klirrenden Kälte. Am Kreuzweg der Zeitenwenden mussten die Katzen
lernen, dass sie entfernte Verwandte in den Eisregionen hatten.
Die wahren Eisriesen sind ein primitives, barbarisches Volk. Es gibt in ihrem Leben kaum etwas, dass
sie verstehen. Schlichte Kleidungs- und Schmuckstücke haben sie geraubt. Gegenstände selbst
herzustellen, davon verstehen sie rein gar nichts. Und noch etwas verstehen sie nicht: Spaß. In
ihrer rauhen Welt ist dafür kein Platz, deshalb haben sie nichts dergleichen entwickelt. Einzig
ein vages religiöses Bewußtsein ist ihnen zu eigen - was sowieso jeden Ansatz von
Spaß im Keim erstickt.
Zumeist leben sie in kleinen Stammesverbänden von 50 bis 80 Kriegern und Frauen zusammen. Hin und
wieder bekriegen sich die Stämme auch gegenseitig. Diese Kriege enden immer mit der
Auslöschung eines der beiden Stämme - Nahrungsmittel sind knapp in ihrer Kalten Region. Dass
noch Eisriesen trotz oder gerade wegen dieser barbarischen Praktiken existieren, liegt an der
Größe ihrer Gebiete. Oft begegnen sich einzelne Stämme über viele Zyklen einfach
nicht. Nur in den Zeiten allerschlimmsten Hungers scheinen sie wie selbstverständlich auf ganz
bestimmte Regionen zuzustreben.
Dieses starke und ausdauernde Volk wartet nur auf den Tag, der eine neue Kälte jenseits ihres
Landes bringt, um vom Überfluß der Fremden zu kosten, die von Zeit zu Zeit in ihr Gebiet
eindringen.
Fußnote: Da Eisriesen allenfalls im Winter in bewohntere Gegenden vordringen und sie
ansonsten von Abenteurern höchstens einmal gesehen werden, halten sich die Gerüchte um die
Riesigkeit ihres Äußeren hartnäckig. Die S'Tamone hatten ihre Begegnungen mit den
Eisriesen und wissen inzwischen um die Gebiete, die sie zu meiden haben. Gleichfalls haben sie ein
Mittel gegen die monströsen Katzen entdeckt: Feuer!
Das bissige rotgelbe Biest mit unzähligen Armen und Mäulern macht den Eisriesen - man mag es
kaum glauben - Angst. Vielleicht ist es auch die Erinnerung an die verheerende Lava, die viele der
Urkatzen tötete.


