Der Kult des Kolra
Ein Gott braucht einen Kult. Das Besondere bei Kulten ist, dass sie eigentlich nie
richtig geplant sind - von den Göttern am allerwenigsten. Immer sind es die
Gläubigen, die einen Gott zu dem machen, was er er ist, oder ihrer Meinung nach
sein soll. Der Gott wird gar nicht erst gefragt.
So verhielt es sich auch mit Kolra. Es überraschte selbst ihn, dass sein
kleiner Auftritt als schmutzig schimmernde Wolke einen derartigen Effekt zur Folge
hatte. Aber auch als Gott nimmt einer, was kommt. Sicherlich besitzt Kolra Macht
über seine Anhänger. Ganz sicher kann er sogar machen, was er will, denn
letztlich ist es ihm ziemlich gleichgültig, wer nun an ihn glaubt. Aber, dass
er insgeheim wie ein gewöhnlicher Gegenstand auf einem Marktplatz
verhökert wird, ist ihm überhaupt nicht bewußt.
Die eigentlichen Nutznießer des Kultes sind seine Priester, die keine
Gelegenheit auslassen, an den verschiedensten Orten Klöster und Tempel zu bauen
und den Gläubigen über Opfergaben das sauer Verdiente aus der Tasche zu
ziehen. Unnötig zu betonen, dass der König auch seinen Gewinn aus diesen
Opfergaben zieht.
Kolra zeigt sich seinen Priestern nur selten. Zwar hätte er die Zeit dazu, doch
es langweilt ihn. Einstmals hatte er die übliche Sturm- und Drangzeit eines
Gottes. Er schuf kleine Untergötter und Kinder, nahm bestehende kleinere
Götter an Sohnes statt an, mehrte die Legenden um seine göttliche Person.
Dann jedoch kam eine lange Phase, in der er lieber den Müßiggang
pflegte.
Seine Priester nutzten diese Zeit, um ihr Regelwerk zu erweitern. Wer durfte was,
wer hatte das Sagen. Schnell wurde ihnen klar, dass eine Abgrenzung vom
gewöhnlichen Volk wichtig war. Sie schmückten sich in den Farben ihres
Gottes, gelobten Askese und Abstinenz. Frauen hatten in der Priesterschaft nichts zu
suchen. Die Zeit höhlte all die guten Vorsätze aus. Völlerei und
Genußsucht bestimmten das geheime Leben der Priesterschaft. Frauen wurden zwar
nicht in das Priesteramt aufgenommen, aber allzu häufig in versteckte
Räume der Tempel hineingeschmuggelt.
Kolra ist über solche Kleinigkeiten erhaben. Inzwischen zieht er auch wieder
seinen Spaß aus der Anbetung. Ab und zu überrascht er seine Priester und
mit Vorliebe die, welche nur des Vorteils willen in die Priesterschaft eintraten.
Nichts bereitet ihm mehr Freude als ein ängstlich geläuteter Priester, der
zuvor noch mit aller Hingabe seine Schätze zählte und nun um sein Leben
zittert. Und eben jene sind es, die den Kult vorantreiben.
Diese verängstigten Priester, die einen wirklichen Gott schauten, ziehen hinaus
in die Provinzen unter das Volk und missionieren. Ihre Erfolge schwanken. Manche
wissen einfach nicht so recht, was sie sagen sollen. Denn Kolra gab ihnen keine
Botschaft mit auf den Weg, drohte ihnen allenfalls. In den meisten Fällen
hauchte er ihnen nur seinen fauligen Atem ins Gesicht. So bleibt der Kult des Kolra
zwar der erfolgreichste, aber auch jener mit dem geringsten Inhalt.


