Die Rettung - Teil 2 von 2
Während der folgenden Stunden schlief Rotan die meiste Zeit. Ab und zu wälzte er sich auf
seinem Lager herum. Einmal fuchtelten seine Arme wild in der Luft über ihm herum, als wolle er
einen unsichtbaren Gegner abwehren. Seine Augenbinde verrutschte dabei und legte die leere
Augenhöhle mit einem umliegenden Geflecht tiefer Narben frei. Nedani legte dem Träumenden eine
Hand auf die Brust, bis der alte Krieger sich beruhigte und weiter schlief. Anschließend
rückte sie die Augenbinde wieder an ihren Platz. Zwar befand sie, ein Kämpfer solle seine
Narben mit Stolz tragen, doch wenn er nicht wollte, dass andere sie sahen, galt es, dies zu
respektieren.
Als sie bemerkte, dass der Heilungsprozess nun seinen Gang nehmen würde, wandte sie sich von dem
Lager ab. Innerhalb eines kleinen Kreises auf dem Boden entzündete sie vier
Räucherstäbchen und setzte sich zwischen sie. Die schwelenden Kräuterinhalte der
Stäbchen hatten eine heilende Wirkung, halfen aber auch bei der Meditation, um eine volle
Konzentration auf ein Ziel zu erlangen. Vor einigen Tagen hatte eine Vision ihr die Begegnung mit Rotan
verkündet, nun sollten ihr die gleichen Kräfte, den Weg zu ihrem Geliebten zeigen: Wakassi.
Nedani ahnte, nein, sie wusste, irgendwo in diesem großen weiten Land war er auf der Suche nach
ihr, und Rotan würde ihr helfen, Wakassi zu finden.
Nedanis Spur musste sich in all den Jahren im Reich der Dreggen längst verloren haben. Wakassi
konnte sie unmöglich ohne ihr eigenes Zutun finden. Gar zu lange hatte man sie gefangen gehalten.
Doch die Zeit der Zusammenkunft war nah. Das spürte sie. Wenn sie und Wakassi wieder vereint
wären, würden alle Schrecken der Vergangenheit dem Vergessen anheim fallen. Nur dies
zählte, und Rotan war der Schlüssel dazu.
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