Lebende Legenden #2
Eine Geschichte aus der Welt des kleinen Kriegers (www.kleinerkrieger.de) von Michael Nolden.

 
Was bisher geschah.
Der junge Treefnok Djalran Destin De'Dan, kurz Ran genannt, wurde bei einem wichtigen Bildhauerauftrag in der Hafenstadt Halmawat Zeuge eines Diebstahls in einem Tempel. Unglücklicherweise hielten ihn die Priester auch für einen Dieb. Zusammen mit den beiden Einbrechern musste er flüchten. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Die ungewollte Bekanntschaft mit den beiden kleinen Dieben Hutzel Longear und dem Walddämonen Keinfussabhand führte für Ran zu einem Ausschluss aus der Bildhauergilde von Halmawat. Ein Jahr später hatte er sich in der Hauptstadt des Reiches, dem Leuchtenden Hort, angesiedelt. Binnen kurzer Zeit war er zu einem respektierten Bildhauer aufgestiegen, der die Herrschenden zu seinen Kunden zählte. Ein neuer Auftrag führte ihn zu dem aufstrebenden Fürsten Hradan'Gre. Leider wählten auch zwei kleine Diebe diesen Tag für einen neuen Raubzug aus.

Wie es weitergeht.
Hutzel Longear, der kleine Krieger, schaute durch das in allen Regenbogenfarben schillernde Glas in den Raum unter sich. Gemessen an Umfang und Höhe des Gebäudes musste es sich bei diesem Zimmer um eines der kleineren handeln. Jedenfalls konnte sich Hutzel bei all seiner Erfahrung nicht vorstellen, dass ausgerechnet dieser Fürst nur niedliche kleine Räume sein eigen nannte. Der Adel bevorzugte Säle und Hallen. Vielleicht, sann Hutzel nach, war nur in großen Räumen Platz für ihre aufgeblähte Art, durch das Leben zu schreiten.
Die Erbauer dieses Gebäudes hatten einen großen Fehler gemacht, indem sie die Scheiben der Kuppel auf diesem Dach eines Anbaus des Gebäudes nur in Fassungen eingelegt hatten. Einzig kurze drehbare Riegel dienten dazu, die Fenstergläser festzuhalten. Für Hutzel, der nun einen alten Dolch aus dem Gürtel zog, bedeuteten sie kein Hindernis. Vier Riegel drehte er in ihren Halterungen mit dem Dolch als Hebel schnell zur Seite, dann setzte er die Klinge zwischen Glas und Fassung an.

Keinfussabhand, der Walddämon an seiner Seite beobachtete still, wie sein Freund die Scheibe anhob. Er langweilte sich. Sein Verstand war nicht so gering, wie der kleine Krieger immer noch glaubte. Nur teilten Walddämonen nicht die Interessen anderer Sterblicher. Besitz, Geld, große Gemeinschaften und noch vieles mehr waren für Keinfussabhand bedeutungslos. Manches Abenteuer war ganz schön, und Fressen war noch viel schöner. Keinfussabhand hatte gesehen, wie Hutzel einem anderen Geldstücke in die Hand drückte und im Austausch Nahrung dafür bekam. Das verstand er, doch erschien ihm diese Prozedur ziemlich seltsam. Früher, als er noch alleine im Wald lebte, war er aus seinem Versteck gehüpft und hatte sich das nächstbeste Getier geschnappt und hinuntergeschluckt. Es gab Zeiten, in denen ein kleiner Teil seines Bewusstseins sich nach diesen vergangenen Tagen zurücksehnte. Aber Keinfussabhand war auch ein treues Wesen. Wo sein Freund hinging, folgte er. Sicher würde eine Zeit kommen, in der eine Trennung unvermeidlich sein würde, doch bis dahin würden sie zusammenstehen.

Hutzel legte die Scheibe auf das abschüssige Dach und ließ sie erst los, als er sich vergewissert hatte, dass sie nicht verrutschen würde. Ohne das Glas mit all seinen farblichen Facetten zwischen sich und dem Zimmer konnte der kleine Krieger zahlreiche Details erkennen. Offenbar handelte es sich um einen Gebetsraum. Hutzel rümpfte die Nase. Er hatte schlechte Erfahrungen mit derlei Räumen gemacht. Auf einen Diebstahl reagierten die richtigen Besitzer schon sehr schlecht, doch bei einem Diebstahl aus einem religiösen Refugium gerieten einige der Bestohlenen in wahre Raserei. Wenn sie, wie ein Fürst, außerdem noch über ernsthaft ausgebildete Wachen verfügten, konnte das wahrlich ins Auge gehen.

Über die bestohlenen Gottheiten machte sich der kleine Krieger keine Gedanken. Obwohl es ihn nie danach verlangte, ihnen zu begegnen, hatte er zu häufig ihre Bekanntschaft gemacht. Für sie waren die Opfergaben lediglich Tand. Die meisten aus der Göttersphäre der Dreggen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um den gewöhnlichen Dreggen überhaupt zu bemerken.
In der Mitte des achteckigen Raumes stand ein runder Tisch direkt unter der Kuppel, auf der Hutzel nun ein Seil an einer der Fassungsstreben befestigte. Nachdem der kleine Krieger den Kopf durch die nun leere Fassung gesteckt hatte, waren ihm einige Gegenstände aufgefallen, die sich gut verkaufen lassen würden. Handhohe Statuetten aus geschliffenem Stein mit eingesetzten Edelsteinen, die als Augen dienten. Ein paar Utensilien schienen aus edlen Metallen gefertigt zu sein. So hatte Hutzel eine gewölbte Schatulle entdeckt, die als Behältnis für Kräuter dienen mochte, die der Gläubige bei seinem Gebet der Opferflamme übergab. All das würde er zusammenraffen und sich wieder still und heimlich auf den Rückweg machen.

***

"Setzt Euch, mein lieber Djalran." Hradan'Gre wies auf einen kunstvoll geschnitzten Stuhl, der keinerlei Handwerkskunst aus dem Reich der Dreggen aufwies.
Fragend hob der Bildhauer die Ohren, während er der Aufforderung des Fürsten folgte und sich setzte.
Hradan bemerkte die für einen Treefnok selbstverständliche Geste. Es war ungewöhnlich, dass er sie verstand. "Oh, eine Arbeit aus Ländern jenseits der großen Einöde. Ich bin nicht so verblendet wie andere, die nur heimische Arbeiten zu schätzen wissen." Der Fürst nahm nicht gemäß seiner Gewohnheit am anderen Kopfende des Tisches Platz, sondern setzte sich zur Rechten Rans. "Natürlich ist es für jemanden wie mich auch schwer, den Begriff Heimat zu bestimmen. Ihr wisst vielleicht, dass ich ein Mischling bin. Es sollte mich wundern, wenn es nicht an Euer Ohr gedrungen wäre."
Der Treefnok nickte stumm.
"In langen Jahren hat meinesgleichen zahlreiche Repressalien erfahren. Dabei waren es die Dreggen, die unsere Frauen nahmen. Im Bruderkrieg waren wir dann wieder gut genug, um für den König zu kämpfen. Danach waren wir wieder nur Abschaum. Und nun, da Dreggen Soi II. fort ist, scheint es so zu sein, als erhielten wir eine Gelegenheit, für all die Schmach, die wir erlitten haben, eine Gegenleistung zu erhalten. Freilich wiegt sie nicht im geringsten die Peitschenhiebe und den Hass auf, die uns unter dieser Knechtschaft entgegen schlugen. Seht Euch um auf den Straßen, mein Freund. Seht Ihr, wie vorsichtig die Dreggen geworden sind? Sie schauen sich ebenfalls um, sie sehen, wie viele wir sind, und sie fürchten sich." Hradan lächelte freudlos. "Nun, wenn Angst dafür Sorge trägt, dass es friedlich ist und wir, unsereins, einmal in den Genuss dieses Friedens kommt, soll es mir Recht sein."
Ran nickte erneut. "Ich verstehe, was Ihr meint, Fürst Hradan." Nach einer Pause, in der Hradan ihn erwartungsvoll ansah, sagte er: "Ich verstehe es nur zu gut."
Hradan lachte herzlich. "Lasst uns nicht Trübsal blasen, mein ehrenwerter Bildhauer. Wir sind hier, damit wir uns schönen Dingen zuwenden. Kunst. Dafür lohnt es sich zu leben. Hier, trinkt, esst, greift zu. Es ist genug da."

Der Fürst erging sich in Plaudereien und fragte Ran nach seiner Herkunft aus. Hradan bewirtete seinen Gast selber. Kein Diener ließ sich blicken, so dass eine wirklich heimelige Atmosphäre entstand, die Ran nicht gehofft hatte vorzufinden. Nach kurzer Zeit gab er sich offener, als es ihm in der Gesellschaft eines Adeligen je in den Sinn gekommen wäre. Er erzählte von seiner Herkunft, seiner Jugendzeit, wie er die Liebe zur Bildhauerei entdeckte und auszog, ein Lehrling zu werden.
"Ich hatte noch nie zuvor eine große Stadt gesehen. Stellt Euch vor, wie es für einen kleinen Treefnok vom Lande war, in diese Hafenstadt zu kommen. In den nächsten Jahren lehrten mich zwei angesehene Bildhauer das Handwerk. Natürlich musste ich auch viel Drecksarbeit erledigen, aber ich bekam auch schon kleinere Aufträge in den Werkstätten zugewiesen. Erst viel später erfuhr ich, dass sie meine Arbeiten als die ihren ausgaben. In meiner Werkstatt ist das nicht so. Die Vorlagen der größeren Statuen mache ich, doch sind meine Bildhauer dazu angehalten auf den fertigen Werken auch ihre Namen im Fuß einzumeißeln. Geteilter Ruhm ist doppelter Ruhm."
"Ein vernünftiger Schritt, mein lieber Djalran, und er ehrt Euch", entgegnete Hradan aufrichtig. Der Fürst ließ sich auf seinem Stuhl zurück sinken und rülpste laut und vernehmbar. "Ich hoffe, es hat Euch ebenso gemundet wie mir."
Ran klopfte sich mit der Faust vor die Brust. Das Geräusch, das er sich seinem Hals entrang, klang bei weitem nicht so beeindruckend, erfreute den Fürsten jedoch.
"Nun, Djalran, Ihr seht gesättigt aus. Lasst uns über Geschäfte reden. Ich habe einen Auftrag für Euch. Wie Euch sicherlich zu Ohren gekommen sein dürfte, liebe ich Feste. Das Leben ist zu kurz, um nicht beizeiten dem Genuss zu frönen." Hradan schob einige abgenagte Knochen auf seinem Teller hin und her.
Der Fürst schien verlegen zu sein. Djalran konnte sich keinen Grund dafür vorstellen, erfuhr die Ursache für diese Unsicherheit jedoch im nächsten Augenblick.
"Mein nächstes Fest soll in einem alten, vergangenen Glanz erstrahlen. Dieser Glanz wird, nein, er soll den Großteil der Gäste schockieren." Er kreuzte zwei Knochen auf seinem Teller. "Ich bin nur ein halber Gardan'Gre, doch ich fühle mich meinem Volk als ganzes zugehörig. Und als Angehöriger meines Volkes verehre ich auch seine Vergangenheit und liebe seine Traditionen. Ich liebe seine Götter."

Ran runzelte zum ersten Mal die Stirn. Es mochte wohl kaum jemanden im Reiche der Dreggen geben, der noch nicht von den Göttern der Gardan'Gre, insbesondere einem ganz bestimmten Gott, gehört hatte. Letztlich war dieser Gott für das Volk sogar Namens gebend: Gre. Ein zum Gott aufgestiegener Drache, aus den göttlichen Sphären verstoßen, ein Gott, der seine Gläubigen dazu getrieben hatte, andere Völker in purem Opferwahn zu vernichten oder wenigstens zu unterwerfen. Der Konfrontation mit den Dreggen waren die Gardan'Gre nicht gewachsen und so verurteilten sie sich selbst zu ihrem Untergang. Wollte der Fürst jener Kreatur huldigen, die seinem Volk so viel Leid gebracht hatte?
"Ich will, dass Ihr mir fünf Statuen von Gott Gre herstellt, eine für jedes glorreiche Zeitalter meines Volkes. Diese Statuen sollen den Festsaal einrahmen und eine ganz besondere Atmosphäre schaffen." Hradan richtete einen starren Blick auf den Treefnok, bar jeder Herzlichkeit, nun ganz Fürst und nicht gewillt, eine ablehnende Haltung zu tolerieren.

Ran sah sich in einer Falle. Flink schauten seine Augen durch den ganzen Raum, hin zu den Türen, die nun so weit weg schienen, wie die Hafenstadt Halmawat vom Leuchtenden Hort gelegen war. Der junge Bildhauer zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass sich hinter jeder der Türen Wachen befanden, die jeden Fluchtversuch im Keim ersticken würden. In seinem Geist malte er sich aus, wie sie sämtliche Befehle ihres Herrn in die Tat umsetzten. Rans Phantasie gebar fürchterliche Szenarien, die allesamt kein gutes Ende nahmen.

***

Hutzel rutschte langsam und vorsichtig am Seil hinab in die Tiefe. Rings um ihn herrschte Stille. Je tiefer er in den Raum hinein glitt, desto unangenehmer empfand er die Farben des Raumes. Von oben betrachtet waren sie ihm recht freundlich erschienen, doch dem Boden nahe nahmen die Erdtöne deutlich an Intensität zu. Der Boden, gänzlich mit fugenlos ausgelegten Steinplatten bedeckt, hatte ein Muster aus rötlichen Fäden, die sich bei näherem Hinschauen scheinbar bewegten.

Der kleine Krieger schrieb diesen Anblick einer Sinnestäuschung und seiner Aufregung zu. Je länger er sich jedoch in diesem Raum aufhielt, umso unwohler fühlte er sich.
Lederne Riemen, die er sich um Handrücken und Handflächen gebunden hatte, verhinderten, dass der Schweiß seiner Hände ihn den Halt verlieren ließ. Auf halber Höhe zum Boden schaute er nach oben. Sein Freund schaute ihm interessiert hinterher. War da nicht ein Kopfschütteln? Es wäre nicht ungewöhnlich gewesen, hätte Keinfussabhand nicht die eine oder andere Geste während ihrer gemeinsamen Zeit übernommen. Dazu passend jedenfalls vernahm Hutzel ein leises Hmpf, jenen Laut, den der Walddämon stets in verfahrenen Situationen hören ließ. Der kleine Krieger wandte sich wieder seiner Aufgabe zu. Nein, sagte ihm ein kleiner Gedanke, er hmpft ständig.
Sachte glitt er tiefer, bis seine Füße sich nur noch eine Handbreit über dem Tisch befanden. Behutsam trat der kleine Krieger auf die Tischplatte und duckte sich. Hutzel machte einen Schritt und achtete besonders auf verräterische Geräusche. Aber der Tisch war stabil gefertigt und hielt das Gewicht eines Longear ohne ein einziges Knirschen aus. Mutiger geworden sprang der kleine Krieger vom Tisch. Sogleich widmete er sich den kleinen Gegenständen, die er bereits von oben in Augeinschein genommen hatte. Nachdem er einen Beutel, den er eigens zu diesem Zweck mit sich führte, von seinem Gürtel gelöst hatte, begann er sein Diebeswerk. Zwei vielarmige Statuetten steckte er behände in den Beutel. Eine aus feuerrotem Holz geschnitzte Figur, gedrungen und auf vier Beinen stehend, rührte der kleine Krieger nicht an. Den für den Körper viel zu großen Kopf hatte Hutzel leibhaftig gesehen: Gre. Wer den fauligen Atem dieses Gottes gerochen und die ewige Wut in seinen Augen gesehen hatte, verlor jede Lust, sich durch den Verkauf des Ebenbilds zu bereichern. Es war nicht Hutzels persöönliche Erfahrung mit dem Gott allein, die ihn davon abhielt, die Gre-Statuette zu stehlen. Derlei Gegenstände wurden nur auf Bestellung angefertigt. Kein Hehler, den der kleine Krieger kannte, würde auch nur eine Münze dafür geben. Wenn Hutzel Glück hatte, würde sein Gegenüber das Zeichen gegen den bösen Blick machen. Im schlimmsten Fall würde der Hehler eine Waffe ziehen, oder, was im Reich der Dreggen nicht unwahrscheinlich war, sich entgegen aller Gewohnheit sogar an die Stadtwache wenden und ihn verraten.
Hutzel wusste dies aus einer weiteren Erfahrung und es gelüstete ihn kein zweites Mal danach, von Soldaten durch die Strassen gehetzt zu werden.
Entlang der Wände des achteckigen Raumes zog sich ein schmaler Vorsprung, auf dem die verschiedensten Gegenstände abgestellt waren. Neben den Statuetten fanden sich Messer mit sehr dünnen und langen Klingen, niedrige Opferschalen, Mörser zum Zermahlen von Kräutern, bunte Glasfläschchen mit Tränken, sorgfältig aufbewahrte Feuersteine, Pulver in tönernen Krügen, verschlossen mit faustgroßen Glaskugeln. Wäre die kleine Figur des Gre nicht gewesen, hätte Hutzel den Eindruck gewonnen, er befinde sich in einem Laden einer Kräuterhexe. Er zog Stofffetzen aus seinem Beutel und wickelte darin einige Fläschchen ein, deren Form und Farbe ihm besonders wertvoll erschienen und legte sie mit Bedacht in seinen Beutel hinein. So wanderte er einmal durch den ganzen Raum und bediente sich.

Als nichts mehr Platz in seinem Beutel finden konnte, zog sich Hutzel wieder zur Mitte des Raumes zurück. Das seltsame Muster des Bodens machte ihn auf Dauer äußerst nervös, stellte es doch ein sich windendes und ringelndes Gewürm dar, welches auf Longears stets einen Furcht einflößenden Effekt hatte. Die ganze Zeit über juckte es ihn schon unter seinem Wams und kalter Schweiß rann seinen Rücken hinab. Der kleine Krieger hatte genug gesehen.

Er kletterte schon wieder auf den Tisch, weil er sich möglichst schnell wieder das Seil hinaufziehen wollte, da fiel es ihm auf. Sein Raubzug hatte jede Aufmerksamkeit vereinnahmt, deshalb waren seine Augen nur auf die Mitbringsel gerichtet gewesen. Seine Ohren hatten nur Stille wahrgenommen. Nun, auf dem Tisch stehend, drehte er sich einmal um seine eigene Achse und beschaute sich die Wände genauer. Es gab keine Tür! Da er einmal die Wände abgeschritten hatte, waren ihm nur solide Steinwände aufgefallen. Die Gegenstände auf dem steinernen Regalvorsprung standen so dicht an dicht, dass auch eine Geheimtür in den Wänden ausschied. Hutzel war niemand, der eine solche Entdeckung mit einem Achselzucken abtat. Vielmehr weckten sie seine Neugier, ein Charakterzug, der für einen Dieb lebenswichtig war.
Er legte den Kopf in den Nacken und sah in die Höhe. Wie er es erwartet hatte, schaute zwischen den fensterlosen Streben der Kuppel immer noch der Walddämon zu ihm herab. Das gab dem kleinen Krieger ein Gefühl der Sicherheit. Freilich schalt er sich sogleich einen Narren. Sicherheit war während eines Raubzuges immer trügerisch. Und bei Räumen ohne Türen, denen Geheimnisse inne wohnen mussten, konnte ihn dieses Gefühl nur in die Irre führen. Im Raum wurde es merklich dunkler. Ein neuer Blick nach oben zeigte ihm eine große Wolkenfront, die, von starkem Wind getrieben, schnell aufzog und bald den gesamten sichtbaren Himmel über der Kuppel ausfüllte. Im dämmrigen Licht vernahm er auf einmal ein trockenes Rascheln. Geschwind tastete er mit den Augen die Wände ab, bis sein Blick schließlich zu Boden wanderte und dort haften blieb. Das Gewürm bewegte sich. Hutzel zitterte. Er konnte inmitten des sich ringelnden Getiers das Züngeln aus ihren Mäulern sehen, wie sie übereinander und untereinander daher krochen, und wie sich die Mehrzahl ihrer kleinen glanzlosen Augen auf ihn richtete.

***

"Hat es Euch die Sprache verschlagen, mein lieber Djalran?" fragte der Fürst.
Rans blaue Wangen färbten sich violett. Die blanke Angst sprach aus seinen Augen. Er traute sich kaum zu atmen und als er dem Fürsten antworten wollte, entrang sich seiner Kehle nur ein entsetzt klingendes Keuchen.
Hradan senkte den Kopf mit theatralischer Betroffenheit. "Ich wollte Euch nicht erschrecken", sagte er leise.
Ran glaubte ihm nicht. Nicht mehr. Die heitere Stimmung des Gespräches, die Atmosphäre der Rede zweier Gleichgestellter hatte die schlichte Erwähnung des Namens eines Gottes wie ein Sturmwind hinfort geweht.
"Ihr habt sicherlich von den Schrecken gehört, für die sich Gre verantwortlich zeichnet. Ich versichere Euch, sie sind in Wahrheit nicht schrecklicher als jenes Grauen, das andere Götter unter die Sterblichen getragen haben." Hradan hob den Kopf und schaute den Treefnok durchdringend an. "Glaubt Ihr wirklich, ein Volk sei so mit Dummheit gestraft, dass es bis zur Selbstaufgabe einem Gott folgt, dass es seinem Untergang mit wehenden Fahnen entgegen strebt, ohne an sein eigenes Leben zu denken? Glaubt Ihr, ein Gott schicke seine Anhänger in den Tod, um am Ende seine Macht einzubüßen? Seid Ihr so naiv, dass Ihr diese Gruselgeschichten glaubt?"
"Man sagt, es sei ein Stellvertreterkrieg gewesen", rang sich der junge Treefnok seine Worte ab. "Gre gegen Kolra. Die mächtigsten Götter, welche die Sphären je sahen." Rans Unterlippe bebte.
"Wann habt Ihr von diesen Geschichten gehört? Erzählte man sie Euch als Knabe?"
"Ja."
"Und habt Ihr dann Euren Teller leer gegessen, damit Euch Gre nicht holt?"
Ran konnte nicht antworten. Er fühlte sich, als habe er sich verschluckt und müsse ersticken.
"Nun, mein lieber Djalran, ich werde nicht mit Euch debattieren. Ich habe einen Auftrag für Euch, Ihr werdet Folge leisten. Das klingt rabiat, ich weiß." Hradan zögerte kurz, bevor er weiter sprach und wieder in einen vertrauensvollen Ton wechselte. "Irgendwann, in jedem Leben, kommen Momente, in denen sich jeder entscheiden muss. Wir müssen eine Seite wählen. Wähle ich den Gewinn oder den Verlust? Wähle ich den Sieg oder die Niederlage? Will ich leben oder sterben? Nun schaut nicht so bedrückt. Die Zeiten ändern sich, Djalran. Fortwährend. Und manchmal rennen die Gegebenheiten mit solcher Geschwindigkeit, dass wir uns anstrengen müssen, Schritt zu halten. Ich nehme für mich in Anspruch, zu denen zu gehören, die nicht nur die Richtung vorgeben, sondern auch die Geschwindigkeit. Und ich bestimme auch, wer an dem Rennen überhaupt teilnehmen darf." Der Fürst nickte unbestimmt. "Ihr versteht sicher, dass ich Euch erwählt habe? Ihr versteht auch, wenn ich Euch sage, dass Ihr an meiner Seite auf der Seite des Gewinners steht. Ich biete Euch eine Gelegenheit, wie sie sich einem Künstler nicht oft bietet. Reichtum, Anerkennung, Respekt. Sehen Euch die Dreggen nicht seltsam an? Einen Treefnok? Blau, sechs Schlappohren zieren Euren Kopf, Tätowierungen an Armen und Beinen. Wird es nicht Zeit, diese Blicke rein zu waschen? Eure Kunst könnte einen Teil dazu beitragen."

Der junge Bildhauer war der Rede des Fürsten zuerst widerstrebend gefolgt. Aber schnell hörte er fasziniert zu und vergaß sogar für den Augenblick seine Angst. Er kannte die kleinen Benachteiligungen des Alltags, die großspurigen Reden so genannter freier Dreggen, die sich den Mund nicht verbieten ließen und gegen alles wetterten, solange es anders und schwächer war als sie. Ja, er wusste es nur zu gut. Der Fürst hatte eine Saite in ihm angeschlagen, die beständig vor sich hin vibrierte, so oft die Strassen betrat, in Halmawat, im Leuchtenden Hort oder sonst wo. Die Flammen des Hasses schlugen aus den Fenstern der kleinsten Hütte und des größten Palastes. Doch auch Hradan hatte ihm gedroht. Sie drohten alle und diese Drohungen belegten jede noch so glänzende Oberfläche mit Schimmel. Ran war klug genug, dies nicht laut auszusprechen. Er erkannte in der Tat, wann ein Moment der Entscheidung gekommen war. Für ihn ging es nur noch um das Überleben.
"Djalran? Sagt doch etwas." Sich genüsslich zurück lehnend und seinen Bauch massierend, lächelte der Fürst überheblich. "Ich nehme an, Eure Entscheidung steht außer Frage."
"Natürlich, Fürst Hradan", entgegnete Ran. "Ich bin Künstler und wir erkennen unseresgleichen. Ich habe Euer Heim bestaunt, und es sagt viel über Euch aus. Ich stehe immer auf der Seite von Künstlern." Je mehr er sprach, desto mehr schmolz Rans Mut in sich zusammen. "Und auf der Seite eines Gewinners."
Hradan erhob sich plötzlich. "Gut", erwiderte er knapp. "Ihr werdet es jetzt nicht glauben, aber Ihr werdet es nicht bereuen."
Ran glaubte es nicht.

***

Sie wimmelten sich über- und untereinander hindurch, verknoteten sich gar, rücksichtslos. Einige der schlängelnden Tiere verbissen sich ineinander. Ihre Schuppen leuchteten sanft in einem Farbenspiel zwischen Rot und Gelb. Kleine Funken sprangen mit einem Knistern von einem Schlangenkörper zu anderen.
Während Hutzel instinktiv versuchte, einem einzigen dieses Gewürms mit seinem Blick zu folgen, tat sich hinter ihm der Boden auf. Zuerst nur eine schmale Spalte, in die ein paar Schlangen hineinfielen, verbreiterte sich die Öffnung stetig, bis sie Raum genug für eine Person bot. Das Gewürm wich zurück. Das Licht, das aus der Öffnung drang, schien die Tiere zu ängstigen, trieb sie weiter zurück in den Raum. Dem Lichtschein folgend, der schlicht von einer Laterne abstrahlte, kam eine Frauengestalt, die langsam aus Kellergewölbe nach oben stieg.
Der kleine Krieger wunderte sich, dass immer mehr Schlangen in sein Blickfeld drängten. Wenn sich hier so viele tummeln, dachte er, was ist dann hinter mir? Langsam, wie in einem schlechten Traum, der ihn von Zeit zu Zeit verfolgte, drehte er sich um.

Fortsetzung folgt

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