Lebende Legenden #1
Die Hafenstadt Halmawat an der nördlichen Küste des Dreggen-Reiches ist ein
ständiger Quell für Geschichten. Seltsame, ungewöhnliche, rührende oder
abenteuerliche Begebenheiten, die aus einem Schmelztiegel entstehen, einer Mixtur
unterschiedlichster Völker, sesshafter wie reisender Lebewesen. Wir schreiben das erste Jahr
nach Beendigung des Krieges gegen die Eisriesen und dem Sturz des Königs Dreggen Soi II.
Auf dem Gauklermarkt ging seit einigen Wochen alles wieder seinen gewohnten Gang. Die Volksseele
hatte sich offenbar beruhigt. Zwar waren die Eisriesen nicht bis Halmawat vorgedrungen, doch hatte
die Stadt in unzähligem Maße Flüchtlinge aufgenommen und die Berichte ihrer
Erlebnisse waren grauslich genug, um das Entsetzen unter der Bevölkerung zu schüren.
Aber die Volksseele verdrängt gerne und das Leben gestattete keine Pause. Die Bürger von
Halmawat besannen sich auf die Hektik des Alltages einer Hafenstadt und auf die Vergnügungen,
die eine Stadt mit ihrer Qualität zu bieten hat. Vom Hafen her wurden die Märkte
beliefert, Händler trafen aus den Provinzen ein. Auf dem Gauklermarkt unterhielten Artisten
die Menge und Langfinger gingen inmitten der versammelten Zuschauer ihrer Arbeit nach. Handwerker
fertigten in den Seitenstraßen der Gilden ihre Waren, andere kletterten an den Fassaden
hochherrschaftlicher Gebäude empor und besserten ramponierte Wände aus oder brachten neue
Figurinen aus Sandstein an, immer misstrauisch beäugt von Wachen.
Einer der Handwerker, die an diesem Morgen in dieser geschäftigen Stadt ihrem Werk
nachgingen, war ein schmächtiger junger Treefnok namens Djalran Destin De'Dan. Die meisten,
die mit ihm umgingen, riefen ihn nur Ran, was eine Koseform für Junge bei den Treefnoks war.
Ran hatte die für sein Alter ehrenvolle Aufgabe erhalten, an einem der Tempel Kolras zu
arbeiten, der sich in der Nähe des Haupthafenbeckens befand.
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