Es gibt keine Götter
Auf der Ebene
Ich war ein Knabe, als mein Vater mich das erste Mal mit auf die Pirsch nahm. Nicht lange zuvor hatte sich
der Tag meiner Geburt zum achten Male gejährt. Wenngleich ich auch zu klein für mein Alter war
und die Zungen der Alten redeten, ein Knabe ihres Clans müsse in diesem Alter bereits viel
stärker sein, setzte mein Vater doch große Stücke in mich und überhäufte mich
mit Liebe und Stolz.
Es war ein milder Tag. Die Schneeschmelze hatte eingesetzt und in der Ferne ragten die rauchenden
Monsterbrüder in den Himmel empor, ehrfurchtgebietend, schroff und gewalttätig. Dereinst hatte
mein Bruder Keolnse sie mit Göttern verglichen, wie sie da stark über den Dreggen thronten und selbst
dem König trotzten. Daraufhin war mein Vater erbost aufgestanden. Nie vorher hatte ich ihn zorniger
erlebt. Er herrschte meinen Bruder an, es seien Berge, Berge, deren Inneres glühe und flammendes
Gestein speie, doch keine Götter! Keine Götter! Mein Bruder war doppelt so alt wie ich, ein
inzwischen gestandener Jäger, wie man bei uns zu sagen pflegte, doch so erschrocken über den
Tonfall unseres alten Herrn hatte ich ihn nie gesehen. Plötzlich wurde er wieder ganz klein,
während seine Stimme kindlich antwortete: »Ja, Vater.«
Rage beherrschte den Vater, und er verließ das Haus. Ich habe es niemandem gesagt, damals wie heute
nicht, aber es war eines der wenigen Male, dass ich Tränen in den Augen unseres Vaters sah. Ich
weiß, wie sehr mich diese Traurigkeit immer aufs neue bestürzte, deshalb schwieg ich, auch
meinen Geschwistern gegenüber.
Die Ebenen und Wälder nannte mein Vater sein Heim. Fern der Enge der Städte, dem Gedränge
der verschiedensten Lebewesen, den falschen Gerüchen und dem Geflecht aus Lügen und Wahn. Mein
Vater führte mich über eine hochgewachsene Wiese, auf der die ersten Krabbler summten.
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