Chalia-Isla oder der Wettstreit der Erzähler Eine Geschichte aus der Welt des kleinen Kriegers (www.kleinerkrieger.de) von Michael Nolden. |
Die kleine Stadt Chalia-Isla liegt am nordwestlichen Rand der Provinz Zorp. Der grüne Küstenstreifen, der die Stadt umgibt, wirkt malerisch, wie von den Göttern persönlich geschaffen. Die Stadt lag dereinst im Zentrum des Erbfolgekrieges und gilt noch heute als die letzte Bastion derer, die lieber den Bruder des Königs auf dem Thron des Dreggen-Reiches sähen. Die Schifffahrt ist für die Stadt nicht nur überlebenswichtig, sondern hat er auch sehr zu ihrem Flair und ihrer Lebensart beigetragen. Chalia-Isla ist im ganzen Königreich für ein Ereignis besonders berühmt: Der Wettstreit der Erzähler.
Einzig die Feiern zum Geburtstag des Königs konnten eine ähnliche Aufregung unter der Bevölkerung verursachen. Ganz gleich, ob die Bürger den Monarchen liebten oder hassten, eine Feier riss sie aus dem Alltag. Der Wettstreit der Erzähler jedoch reichte weiter. Von überall her strömten die Besucher in die Stadt hinein. Auf jedem größeren Platz versammelten sich Dreggen, Treefnoks, vereinzelte Gardan'Gre, Darcoluuns, mitunter auch Wuffel, so manche Katze und sogar Vampirelfen tauchten in der Menge unter. Wenige Tage herrschte eine friedliche Stimmung unter den Einwohnern. Räuber und Langfinger hielten sich zurück, Wucherpreise, bei anderen Feiern an der Tagesordnung, gab es keine. Alle warteten auf die phantasievollen Geschichten der besten Erzähler im ganzen Land. Manche der Besucher hatten wochenlange Reisen auf sich genommen, nur um bei diesem Ereignis zugegen zu sein. Die Größe des Ereignisses sorgte unter den teilnehmenden Erzählern für ebenso große Rivalität. Gemäß der Tradition durften die fünf Gewinner des Vorjahres die besten Erzählplätze im Losverfahren unter sich ausmachen. Die übrigen Erzählplätze wurden von den Ältesten der Stadt zugewiesen. Natürlich lagen die besten Plätze nahe der Küste und des Hafens. Eine abendliche Brise vom Meer sorgte bei den Zuhörern für mehr Wohlwollen, während in der Innenstadt die Besucher zwischen den Häusern saßen und von der Hitze, die von den Steinmauern nach einem heißen Sommertag abgegeben wurde, gequält wurden. Der alte Touben hatte sich ebenfalls auf den Weg nach Chalia-Isla gemacht. Nachdem er die Stadtmauern hinter sich gelassen hatte und endlich in den Straßen der Hafenstadt stand, fragte er sich, ob es die Mühe überhaupt wert war. Sein Heimatort, der Leuchtende Hort, schien nicht mehrere Tagesreisen sondern Jahre entfernt. Touben hatte Chalia-Isla noch nie zuvor betreten, doch vieles kam ihm dennoch bekannt vor. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr sich seine geliebte Hauptstadt aus den verschiedensten Baustilen und Bevölkerungsgruppen zusammensetzte. In Zorp hatte es immer schon einen sehr feinen Baustil gegeben. Die Baumeister jenes Landstrichs mochten kleine Türmchen, Erker und niedrige Mauern. An jedem Haus gab es kleine Balkone und bunte Baldachine. Flaggen und Wimpel wehten an sorgsam geschnitzten Stangen von den Brüstungen und sorgten in der ganzen Stadt für eine überaus festliche Stimmung. Eingeschüchtert senkte Touben den Kopf. Im Leuchtenden Hort war ein derartiger freiwilliger Frohsinn unbekannt. In der Hauptstadt herrschten rauere Sitten. Dort kamen die Einwohner nur zu den Feierlichkeiten, weil es etwas umsonst gab. Es interessierte kaum jemanden, wer sich gerade von den hohen Herrschaften produzierte. Zweifellos lockten bunte Gewänder, natürlich war die Ansicht leicht bekleideter Frauen und ritterlich gewandeter Krieger sehr unterhaltend, doch hingerissen war niemand. Die Dreggen aßen das noch warme Brot und leckten das Fett von den duftenden, würzigen Fleischspießen. Dann lächelten und jubelten sie. Der Wettstreit der Erzähler brachte die Einwohner von Chalia-Isla dazu, noch das kleinste Haus zu schmücken. Er kam nicht umhin, selbst die Kinder auf den Straßen zu beneiden, die bestimmt Straßenkinder waren, aber selbst sie lächelten. Der Alte wusste, dass er nicht wohlhabend aussah, im Leuchtenden Hort hätte dies die Kinder allerdings nicht abgehalten. Sie hätten gebettelt und versucht, alles was nicht niet- und nagelfest gewesen wäre, aus seinen Taschen zu stehlen. Hier hingegen wurde ihm von den kleinen Rangen sogar Hilfe angeboten. Als sie hörten, er sei ein Teilnehmer des Erzählerwettstreits leuchteten ihre Augen auf und sie nahmen ihn freudestrahlend zwischen sich. Die Führung ging durch einige wenige herausgeputzte Straßenzüge, bis sie vor einem Gasthaus anlangten, das drei Stockwerke hoch war. Es wirkte alt, älter als Touben selbst, wie er erfreut feststellte, aber sauber und gepflegt, eine Eigenschaft, die ihm abging, besonders nach einer langen Reise wie dieser. Er wollte nach einem Geldstück greifen, um es den Kindern zum Dank zu reichen, obwohl solcherlei Handeln nicht seiner Natur entsprach, doch er war zu gerührt und die Atmosphäre der Stadt schien langsam auf ihn überzugreifen. Zu seiner Überraschung waren die Kinder bereits wieder auf dem Rückweg. Ein paar von ihnen sahen noch über die Schulter zu ihm hin und tuschelten und etwas, das er in ihrem Blick las, ließ ihn schlucken: Respekt. Drinnen war es behaglich kühl. Touben hatte die morgendliche Hitze an der Küste auf einer unebenen Landstraße ertragen, deren Schäden seit dem Erbfolgekrieg niemand ausgebessert hatte. An einer langen Theke erstand er ein kaltes Getränk, einen Saft, stark mit Wasser vermischt. Der Wirt gab sich ebenfalls sehr freundlich, als er den Grund für Toubens Aufenthalt erfuhr. Ein Zimmer war schnell hergerichtet, um den müden Wanderer zufrieden zu stellen. Der Raum war sauber. Ein Bett und ein niedriger Tisch mit einem Wasserkrug darauf sorgten für ein wenig Behaglichkeit, ein Fenster bot einen grandiosen Ausblick auf ein spiegelglattes Meer. Touben stellte fest, dass es in diesem Zimmer besser ausschaute als in seinem Zimmer in einem Mietshaus im Leuchtenden Hort. Bis zum Abend war noch genügend Zeit. Bereits am Stadttor hatte er erfahren, wo und bei wem er sich zum Wettbewerb anmelden musste. Touben benetzte das Gesicht mit etwas Wasser aus dem Krug, hielt es anschließend in den leichten Luftzug vom Meer her und genoss die Erfrischung. Das Bett war hart gepolstert. Touben störte es nicht. Schnell war er eingeschlafen. Die Erzähler bildeten des Abends nur eine sehr kurze Schlange vor dem Anmelderegister. In den letzten Jahren hatten sich einige wenige Spitzenerzähler hervorgetan. Sie waren nicht so populär wie der berühmte Bänkelsänger Fransinatrus, aber bekannt genug, um jene, die ihnen zuweilen nacheiferten, abzuschrecken. Touben ließ sich keine Angst machen. Seinem alten Freund, dem Jäger, sagte er manchmal, es gäbe einen Kern für Angst in jedem Dreggen. Diesen Kern habe er vor langer Zeit aus Hunger aufgegessen. Die übrigen Anmelder waren aus sämtlichen Altersgruppen. Touben war sicher, die Alten würden aus ihren Erinnerungen schöpfen, die Jungen würden ihre Phantasien zum Thema machen oder alte Sagen nacherzählen. Selten nur war ein junger Erzähler unter den Gewinnern des Wettbewerbs gewesen. Als Touben an der Reihe war, seinen Namen zu sagen, der sogleich aufgeschrieben wurde, drehten sich beim Klang seiner Stimme viele Köpfe zu ihm um. Seine Stimme war düster, mit einer Spur Gemeinheit darin. Er klang wie ein Räuber, manche hätten gesagt, er klinge wie ein Halsabschneider. Es hatte Zeiten gegeben, da hatten die Frauen ihn wegen seiner Stimme geliebt, für das Verruchte darin, die Gefahr. Touben selbst hatte sich mit seiner Stimme nie so recht wohl gefühlt, denn eben jene Stimme stieß die Männer, ganz gleich welchen Volkes, ab. So blieb ihm eine Laufbahn in der Armee verwehrt, wo er früh herausgedrängt wurde. Ein Vorgesetzter hatte ihm bei Kampfübungen einen Arm und ein Bein gebrochen, Verletzungen, von denen er sich nie ganz erholte. Seither war sein Leben unstet gewesen. Mal lebte er in den Tag, mal ging er einer geregelten Beschäftigung nach, mal ging er bewusst ein Risiko ein. An diesem Tag, bei der Anmeldung, war er sich des Risikos wohl bewusst. Touben setzte sein Zeichen unter die Anmeldeschrift des städtischen Beamten. Das Zeichen ließ mehrere Deutungen zu. Die des springenden Raubtieres sagte Touben am meisten zu. Andere mochten darin nur einen Kringel sehen. Aber es würde ein springendes Raubtier sein, falls er sich auf einem der vorderen Ränge der Erzähler platzierte. Der Beamte, ein kahlköpfiger, untersetzter Mann, neigte den Kopf. Toubens Stimme hatte ihn beeindruckt, nicht abgestoßen. Vielleicht hätte ich früher einmal hierher kommen sollen, dachte Touben. "Ihr tretet am morgigen Tag auf dem Platz der kleinen Farben auf. Seid zur Mittagsstunde vor Ort und haltet Euch bereit. Der Beamte dort wird Euch einweisen. Nehmt das." Der Mann hielt Touben ein verziertes Plättchen aus Holz hin. "Der Beamte dort hat das Gegenstück dazu. Damit identifiziert Ihr Euch. Verwahrt es gut." Niemand vermochte mehr zu sagen, woher der Name des Platzes stammte. Die Anwohner jedenfalls hatten ihr Übriges getan, um dem Namen gerecht zu werden. Fahnen, lange Tücher, dreieckige, viereckige und sechseckige Wimpel in den Farben des Himmels und der Natur säumten alle Seiten des Platzes an Stangen und an Häuserwänden. Die besser gestellten Anwohner lauschten der Veranstaltung von ihren Balkonen oder hatten auf eigens dafür gezimmerten Emporen Platz genommen. Unten im Rund der Zuhörer agierte der Erzähler. Wie er seine Geschichte vortrug, blieb jedem selber überlassen. Die einen bevorzugten es, in der Mitte des Platzes zu sitzen und alleine ihre Stimme wirken zu lassen. Andere blieben die ganze Zeit über in Bewegung, sie hoben und senkten nicht nur ihre Stimmen, sondern liefen und schlichen, machten Gebärden und fuchtelten wild mit den Armen herum. Während Touben seinem Vorredner zuhörte, war er überglücklich über die Zuteilung zu diesem Erzählort. Er hätte es schlechter treffen können. Sie waren hier in einem der Händlerviertel der Stadt. Hier war es sehr sauber und die Anwohner sorgten auch dafür, dass es so blieb. Mehrere Stunden und ein gutes Dutzend Erzähler lagen bereits hinter Touben, der sich zu gedulden hatte, bis er an der Reihe war. Bisher hatten die Zuhörer verhalten reagiert, höflich geklatscht, manchmal auch länger, aber es hatte nicht jenen Jubel gegeben, den Touben schon bei Gladiatorenkämpfen gehört hatte und von dem er wusste, dass die Einwohner von Chalia-Isla diesen auch sehr guten Erzählern zuteil werden ließen. "Und ein Lichtstrahl fuhr aus den Wolken herab. Einer, noch einer und noch einer. Alle trafen sie nacheinander den am Boden liegenden Fransinatrus. Seine Flügel waren wie im Flug ausgebreitet und sein Gesicht gleißte in diesem überirdischen Licht. Nur einige Schritte entfernt standen die Sinettes. Selbst für diese Musen war das Licht zu hell und sie wandten ihre Gesichter ab. Die Luft vibrierte, hitzig flimmernd, der Donner grollte und jedermann hätte geschworen, dass Ruhbald Angstschmied das Land auf riesigen Füßen durchstreifte. Alle, die gekommen waren, um den großen Bänkelsänger zu hören, blickten furchtsam in den Himmel hinauf, als erwarteten sie Kolra selbst herabsteigen zu sehen. Doch es erklang ein wunderbarer Ton, sehr klar und rein, wie keines Dreggen Stimme oder eines seiner Instrumente je hervorbringen könnte. Binnen kurzem begann es in den Ohren der Sterblichen zu schmerzen, war dieser Ton doch nicht für die Ohren der Erdgeborenen gemacht." Der rothaarige Erzähler duckte sich. In gespielter Pein legte er die Hände auf seine Ohren. "Unerträglich! Der Ton warf die Anwesenden danieder, folterte sie im Angesicht der Erhöhung eines gewöhnlichen Lebewesens zu einer Gottheit!" Auf die Knie gesunken wurde auch die Stimme des Erzählers leiser und leiser. Touben wusste, dies war ein Test, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Probe zu stellen. Alle ringsum waren in der Tat still und horchten auf die Stimme des Rothaarigen. Touben kam nicht umhin festzustellen, dass der Rothaarige, dessen Namen er überhört hatte, seine Zuhörer im Griff und für sich gewonnen hatte. "Fransinatrus, der Feengleiche, erhob sich, von unsichtbaren Kräften gezogen schwebte er gen Himmel, über die Wolken, hinauf in die Gefilde der Götter. Arme und Flügel weit von sich gespreizt, mit Augen so glänzend und weit geöffnet, erwachte der Bänkelsänger aus seiner Ohnmacht. Sein Gesang dämpfte den göttlichen Klang der Erhebung, milderte das Leid der Zuhörer, auf dass sie es schließlich wagen konnten, ihm mit ihren Blicken zu folgen. Dreggen weinten vor Schmerz, Stolz und über die Schönheit des Anblicks. Treefnoks schufen im Geiste die ersten Standbilder des neuen Gottes und alle anderen, anwesende Gardan'Gre eingeschlossen, fühlten das Glück in ihren Herzen." Der Rothaarige lächelte sanft. "Für einen Augenblick, weniger noch als für die Dauer eines Lidschlages, herrschte vollkommener Frieden unter den Lebewesen unserer Welt. Nicht nur unter den Anwesenden, sondern unter allen Lebewesen. Für einen Augenblick." Die Stimme des Erzählers erstarb. Zuerst wagte niemand ein Wort zu sagen oder sonst irgendein Geräusch zu machen. Touben hätte schwören können, die Zuhörer auf dem Platz der kleinen Farben versagten sich für den Moment sogar das Atmen, so gerührt waren sie. Eine äußerst gemeine Ecke seiner Seele schien versucht, ein widerliches Geräusch zu machen, damit die feierliche Stimmung sich auf brutale Art verflüchtigte. Aber es war nur ein sehr kleiner Teil. Ein weiterer Teil traute sich nicht, die Stimmung zunichte zu machen. Und ein sehr großer Teil fühlte mit allen anderen und hing der Idee eines landesweiten Friedens in allen Bereichen des Lebens nach. Das war freilich eine Illusion, wenn auch eine, die selbst ihm wünschenswert erschien. Er überlegte kurz. Nein, gerade ihm erschien sie wünschenswert. Das schmälerte allerdings nicht den Eindruck, dass es ihm kaum gelingen würde, diesen Vortrag zu schlagen und so in die nächste Runde zu gelangen. Als der Applaus endlich losbrandete, wie von Touben befürchtet, wäre er am liebsten aus lauter Mutlosigkeit im Boden versunken. "Helden. Helden werden nicht geboren. Helden wachsen. Und selbst für Helden kommt einmal der Tag, an dem sie über sich hinaus wachsen und zu etwas noch größerem werden." Touben spürte es nicht. So oft er in einem Wirtshaus seine Geschichten erzählte und um einen kostenlosen Humpen buhlte, spürte er den Moment, wenn die Grenze überschritten wurde und er sich mindestens ein halbes Dutzend Humpen erbetteln konnte. Einen, zwei oder auch zehn Zuhörer, manchmal auch einen ganzen Saal konnte Touben in seinen Bann ziehen. Stets war da dieses Gefühl, das ihm zu verstehen gab, wann es soweit war, wann die magische Grenze erreicht und niedergerungen wurde. Dann verstummten die Hintergrundgespräche, die Krüge wurden nur noch leise auf die Tische zurückgesetzt und die weniger Betrunkenen wiesen die Betrunkenen zurecht, wenn diese zu laut wurden oder gar einschliefen. "Rotan war dereinst ein einfacher Krieger, respektiert von seinen Kameraden, aber nicht besonders oder überragend. Und am allerwenigsten hätten andere von ihm als Held gesprochen. Helden besitzen jedoch noch eine andere Eigenschaft. Viele von ihnen leben unerkannt zwischen uns. Niemals werden Lieder über sie gesungen oder ihre Geschichten erzählt. Nicht immer sind sie Krieger. Rotan war ein Name, nicht mehr. Sein Vater war bekannt gewesen, aber sein Sohn hatte nie dieses quälende Verlangen in die Fußstapfen des Vaters zu treten und ihm den Rang abzulaufen." Ein Dreggen aus ihrer Mitte, einer von ihnen. Als Kind hatte er die Geschichten über Ritter geliebt. Es gab nicht viele Ritter. Manche behaupteten, es gäbe gar keine, denn viele sahen einen Ritter Zeit ihres Lebens nicht. Ein Ritter nahm zwei-, vielleicht dreimal in seinem Leben einen Knappen und bildete Nachkömmlinge aus. Einer aus ihrer Mitte. Das mochte das Volk. Es liebte den tröstlichen Gedanken, dass sich einer von ihnen über sie erheben konnte, unter Anleitung und doch aus eigener Kraft. "Vor vielen Jahren bereits hatte Rotan Chalia-Isla besucht. Im Kampf gegen die Anhänger des königlichen Bruders hatte er sich mannhaft hervorgetan und seinem Vater Ehre gemacht." So mancher der Zuhörer verzog das Gesicht. "Politik hatte den Krieger nie interessiert. Einzig das Wohl der Unschuldigen lag ihm am Herzen. Er gehörte zu den Kriegern, an den man sich in Zorp gern erinnerte. Sein Edelmut zwang die Gegner sich ihm auf den Straßen zu stellen, nicht in den Häusern. In jenen Tagen kam er dennoch als Feind in diese Provinz. Das vergaß er nie. Und es plagte ihn sein Gewissen. Jahre später kam er als Befreier. Piraten verheerten die Küsten, sie töteten Frauen und Kinder, sie verhöhnten durch ihre Schnelligkeit die sie verfolgenden Truppen. Rotan, inzwischen älter geworden und zum stattlichen Mann gereift, wurde vom König persönlich entsendet, um die Bedrohung abzuwenden." Die Gesichter der Anwesenden glätteten sich wieder. In der Tat erinnerten sich viele an die gemeinen Übergriffe der seeischen Banditen vor gut einem Jahrzehnt. Seit dem Erbfolgekrieg war nichts mehr so furchtbar gewesen und lange hatten sich die Bewohner von Zorp und Tomcall nicht mehr so hilflos gefühlt. Die beiden Provinzen waren für die Piraten eine einzige große Schlachtplatte gewesen. "Rotan erinnerte sich an seine Zeit in den Kämpfen des Erbfolgekrieges. Ihm war nicht wohl, als er nach dieser langen Zeit wieder in dieses Land versetzt wurde. Wie er es befürchtet hatte, schlug ihm und seinen Männern nur Abneigung entgegen. Die Bevölkerung hatte entschieden, dass die Piraten noch das kleinere Übel waren. All sein Edelmut hatte nichts genutzt, noch war er bei irgendjemandem in Erinnerung geblieben. Bald erkannte er, dass nur ein grandioser Sieg Vertrauen fördern konnte. Er sah die Angst in den Augen der Kinder, die ihnen begegneten und er sah den Hass in den Augen der Erwachsenen. Vor den Toren der Stadt ließ er ein Lager aufschlagen." Touben schilderte die ersten Scharmützel mit den Piraten und wie es dem lichtscheuen Gesindel immer wieder gelang auf bereitstehende Schiffe zu flüchten. Waren sie erst auf den Schiffen, hatten die Dreggen keine Möglichkeit mehr, ihnen zu folgen. Die notgedrungene Rekrutierung von Fischerbooten und Handelsschiffen führte nicht zum gewünschten Erfolg. Die Schiffe waren nicht schnell genug und die den Dreggen zur Seite gestellten Seeleute aus Zorp erfüllten ihre Aufgabe nur sehr schlecht. Im Gegensatz zu den Dreggen gelüstete es sie nicht nach einem Kampf. Einige folgten den Befehlen bewusst langsam. "Rotan kam es in den Sinn, dass ein paar der Seeleute mit den Piraten zusammenarbeiteten, ihnen vielleicht sagten, wo die Dreggen das nächste Mal auf sie warten würden." Wieder verzogen sich die Gesichter seiner Zuhörer. Im Zwielicht des hereinbrechenden Abends meinte der alte Erzähler einige der Zuhörer auf den hinteren Plätzen aufstehen und gehen zu sehen. Kein Erzähler hatte es bisher insgeheim gewagt, sie Verbrecher oder gar Verräter zu nennen. "Freilich fand der alte Kämpe nie einen Beweis für diese Vermutung, was ihn zu dem Schluss kommen ließ, er würde versagen. Seine Gefühle führten ihn nicht recht, seine Strategien brachten keinen Erfolg. Seine Männer wurden mürrisch. Einige wenige begehrten bereits gegen seine Führung auf, was noch nie zuvor geschehen war. Rotans direkte Untergebene hielten weiterhin zu ihm, legten ihm jedoch nahe, schnellstens die ersten Gefangenen zu machen. Diese konnten den Stadtoberen übergeben werden, eine Geste des guten Willens einerseits, eine Vorführung von Stärke und Diplomatie andererseits. Des Abends, nach einer weiteren erfolglosen Jagd, bei der er sogar Männer verloren hatte, zog er sich enttäuscht in sein Zelt zurück. Er hatte bereits früher Männer in den Kampf geführt, doch stets zu Lande, nie auf dem Wasser. Dieses Element gab ihm Rätsel auf. Es war nicht möglich, ein Schiff anzuspornen, es plötzlich herumzureißen und die Richtung nach Belieben zu ändern." Touben erzählte, wie Rotan mit seinem Schicksal haderte. "Der Krieger war nie ein gläubiger Anhänger Kolras gewesen, hatte nie die Gebetsstunden, die Gottesdienste oder die Stunden der Reue besucht, während derer die Priester großzügige Spenden empfingen. Für ihn war die eine Gottheit ein gesichtsloser grüner Gigant. Eigentlich wie für jeden von uns." Touben gestattete sich den kleinen Witz und empfing dafür ein unterdrücktes Lachen aus den verschiedensten Winkeln des Runds. "Aber aus einem Grund, der den Sterblichen immer verborgen bleibt, erbarmten sich die Götter an diesem Tag. Vielleicht war es auch nur einer. Jedenfalls kehrte das Glück zu Rotan zurück. Doch wie ebenfalls jeder von uns weiß, ist das Glück des einen häufig das Unglück des anderen. Den Göttern steht nur eine bestimmte Menge zur Ausschüttung zur Verfügung und die Ausrichtung der Schicksalswaage verlangt ein Geschick, das selbst manchen Gott überfordert." Viele nickten dem alten Mann zu. Da fühlte er es. Er war auf dem richtigen Weg. "An diesem Abend gingen den Ereignissen Sturm, Wolkenberge und Donnergrollen voraus. Der Himmel leuchtete in den Farben der Verdammnis und der Unterwelt. Der Sturm kam von See her. Er war so stark, dass er die Wellen weit den Strand hinauf trieb. In der Stadt fühlten sich die Einwohner trotzdem seit langer Zeit wieder richtig sicher. Niemand glaubte daran, dass Piraten in dieser Nacht einen Überfall wagen würden. Sie saßen einer Täuschung auf. Die Stadtwachen hatten sich in ihre Unterkünfte zurückgezogen, manche waren sogar nach Hause gegangen und überließen den fremden Dreggen das Wache schieben. Diese freilich sahen es ganz ähnlich. Ihre Erfahrung mit dem Meer war so gering, dass sie sich in keiner Weise ausmalen konnten, ein Schiff oder ein Schwimmer könne in haushohen Wellen vorankommen, ohne ein Opfer des Meeres zu werden." Wieder nickten die Anwesenden. Insbesondere die Alten kraulten sinnend ihre langen Bärte und murmelten etwas. Das Meer war hier allgegenwärtig, es brachte das Leben und den Tod. Nicht wenige hielten das Meer selbst für einen Gott. "Die Piraten, deren Schiffe in diesem Sturm am Strand anlandeten, hatten all ihr Können aufwenden müssen, um dieses Kunststück zu vollbringen. Nichtsdestoweniger gelang es und noch Jahre danach, trotz des tragischen Ausgangs für die Banditen, erzählten sich die Schiffer an der gesamten Küste diese Landung, die zu dem besten gehörte, was Seefahrer je geschafft hatten. Die Piraten indessen nahmen sich nicht die Zeit, den Moment angemessen zu würdigen, denn ihr Plan hatte eben erst begonnen. Drei Schiffe hatten den Strand erreicht. Von diesen strömten die Rudel die Dünen hinauf, zwischen die Gräser und in das Buschland hinein. Ihm angrenzend lagen die Viertel der reichen Kaufleute mit ihren schwer von Söldnern bewachten Villen. Diese Kämpfer schliefen nicht, der Sturm jedoch hatte sie unaufmerksam gemacht. Die Geräusche der Natur überdeckten das Anrücken der Angreifer. Die Piraten unter der Führung eines verwegenen Kämpfers aus Tomcall hatten ihr Ziel seit Wochen ausgekundschaftet, und sie hatten nur auf eine Nacht wie diese gewartet. Wer weiß schon, ob die Piraten nicht über ihre eigenen Priester verfügten, welche die Götter milde stimmten. Ungewöhnlich war der Sturm zu dieser Stunde schon. Wir Sterblichen werden es nie erfahren." Touben räusperte sich ganz leise. Sein Räuspern schallte jedoch weit durch das Rund, so still war es ringsumher geworden, so sehr lauschten die Zuhörer nun seinen Ausführungen. "Am Horizont über dem Meer färbte sich der Himmel blutrot, kündigte den wirklich großen Sturm und die Blitze an. Über dem Land war er allerdings noch tiefblau. Orangefarbene dünne Schlierenwolken durchzogen diesen Himmel wie die Adern eines Riesen. Darunter lag das Viertel der Reichen. Die Rudel drangen sehr koordiniert in das Villenviertel vor. Ihr Plan sah vor, zehn Kinder von zehn verschiedenen Kaufleuten zu entführen. Das Lösegeld sollte das größte sein, das jemals von Piraten gefordert werden sollte. Keiner der Angreifer von See her machte sich Illusionen darüber, ob er den Kampf überleben würde. Jeder wusste, dass die Söldner nicht nur gut bezahlt, sondern auch sehr gut trainiert waren und die mannigfaltigsten Kampftechniken aus aller Herren Länder kannten. Aber auch die Piraten waren harte Burschen und hatten zudem die Überraschung auf ihrer Seite. Beinahe zum gleichen Zeitpunkt schlugen die einzelnen Bandenteile zu. Sie überkletterten Mauern und durchschlugen Tore. Der Widerstand war erwartungsgemäß schwer. Im Hause des Kaufmanns Schalarbar scheiterte der Angriff sogar. Keiner der Piraten überlebte und der Sohn des Kaufmanns entging als einziges Kind dem heimtückischen Anschlag. In den anderen neun Zielen ging es für die Gauner besser aus, wenngleich es hier einige gab, die ihr Leben noch auf Mauern oder unter den Eingangstorbögen aushauchten. Es wurde gefochten und gestochen. Bogen und Pfeile waren in diesem Sturm nutzlos. In einem Fall gingen die Piraten besonders rabiat vor. Während ihrer Kundschaft hatten an einer schützenden Mauer um eines der Kaufmannsanwesen Risse im Gestein ausgemacht. Dort rammten sie nun Enterhaken hinein und zogen an langen Tauen an ihnen, bis die Mauer einbrach. Die Wachhabenden auf der anderen Seite dachten bei all dem Getöse an eine Folge des Unwetters und reagierten nicht sogleich. Da strömten die Piraten wie Krabbeltiere über die Trümmer hinweg und überwältigten die Söldner. Schnell erreichten sie auch das oberste Stockwerk, wo der kleine Sohn des Kaufmanns ängstlich wachte, weil er wegen des Sturms nicht hatte schlafen können. Das Kind landete brutal in einem großen Sack. Ein besonders grobschlächtiger Seeteufel warf sich das Behältnis über die Schulter. So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Piraten auch wieder. Keiner hielt sich länger am Ort auf wie irgend nötig. Bedienstete aus den einzelnen Häusern berichteten, die Piraten hätten sogar offene Schatztruhen ignoriert, obwohl es nur ein kurzer Griff gewesen wäre." Einige der Anwesenden runzelten ihre Stirn, andere verzogen das Gesicht auf angewiderte Weise. Die einen erinnerten sich zu gut an die Vorkommnisse jener Nacht, die anderen hatten nur Informationen aus zweiter oder dritter Hand. Ein jeder an diesem Ort neidete den Kaufleuten aber ihren Reichtum, der auf dem Rücken der meisten Anwesenden erwirtschaftet worden war. Allerdings war auch nicht zu leugnen, dass die Dreggen die Art und Weise der Piraten hassten, Kinder als Geiseln genommen zu haben. Zwar waren Geiseln in einem Krieg oder während eines Waffenstillstandes nichts außergewöhnliches, doch entsprach es einer ungeschriebenen Grundregel, niemals Kinder zu rauben und seien sie noch so hochwohlgeboren. Umso verachtenswerter war die Tat der Piraten. "Am nächsten Tag brachen entsandten Truppen der Dreggen unter Rotans Führung auf. Sie wählten den späten Nachmittag für ihren Aufbruch. Rotan vermutete, die Piraten hätten ein paar Männer zurückgelassen, um die Lage im Auge zu behalten. Dem war auch so. Was sie nicht wussten, war, dass Rotan des Tags über einen gefangenen Piraten befragt hatte. Er war in seinen Bemühungen nicht zimperlich gewesen und hatte seinen Fragen auf raue Weise Nachdruck verliehen. Die Schmerzen, die der Pirat zu erleiden hatte, waren jedoch nichts im Vergleich zu den Herzensqualen, die die Eltern der Kinder erlitten. Rotan glaubte, der Pirat habe ihm schließlich über alles die Wahrheit gesagt, obwohl er sich zuerst standhaft geweigert hatte." Touben senkte ein wenig seine Stimme. Im Rund waren viele, die sich nun gespannt vorbeugten. "Rotan führte seine Mannen zunächst in das Hinterland. Es sollte so aussehen, als ob die Dreggen entmutigt abrückten und aufgegeben hätten. Zur gleichen Zeit hatte Rotan ungefähr zwanzig kleine Fischerboote die Küste heraufbeordert. Sie segelten eigentlich wie jeden Tag Richtung Westen um die Halbinsel herum. Weder Schiffe noch Männer gaben den Piraten irgendeinen Anlass zur Besorgnis. Rotans Männer indessen hatten einen weitaus beschwerlicheren Weg vor sich. Sie mussten den Weg nach Westen durch das Inland nehmen. Die Täler zwischen den hohen Hügeln waren durch das Unwetter des Vortages beinahe unpassierbar. Reittiere hätten sie nicht schneller voran gebracht, als sie es zu Fuß waren. Rotan trieb seine Männer gnadenlos weiter. Immer vorneweg lief er und forderte sich alles ab. Ja, es gab einige seiner Männer, welche die Geschwindigkeit nicht halten konnten und zurück bleiben würden. Auf der Hälfte der Strecke formierte er die Nachzügler und gab ihnen einen neuen Befehl. Den überwiegenden Teil der Truppe führte an das Ziel, eine kleine Bucht unweit der Spitze der Halbinsel. Dort nahmen die Fischerboote die Krieger auf. Die Nacht näherte sich ihrem Höhepunkt, als die kleine Flotte aufbrach und die fünfte Insel vor der Einmündung des Unterweltflusses ansteuerte. Niemandem wäre eingefallen, dass ausgerechnet dort das Versteck der Piraten zu finden gewesen wäre." Der alte Erzähler machte eine Pause. Er schaute in die Gesichter seiner Zuhörer. Die meisten sahen ihn aus riesenhaft aufgerissenen Augen an. Keiner der Anwesenden hatte je etwas über das Versteck der Piraten gehört. Die Kinder waren während der gesamten Zeit der Entführung verhüllt gewesen. Und die Dreggen, die sie befreit hatten, hatten nichts gesagt. Die Fischer, welche die Boote gesteuert hatten, waren nur an die entgegen gesetzte Seite der Insel gesegelt. Darauf waren die Dreggen im dichten Unterholz der Insel verschwunden. "Wie sie den Weg zum Versteck der Piraten bewältigt haben, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Viele der hier Anwesenden sind mit den Gewässern vertraut, sind Schiffer oder kennen die Gegend aus deren Beschreibungen. Die Inseln um die Einmündung sind vollkommen unwirtlich. Das Gestrüpp wuchert so dicht, die Bäume wachsen so verwinkelt und wirr, dass selbst kleinstes Getier das Unterholz nicht durchstreifen kann. Jeder kann sich den Kraftakt vorstellen, der notwendig ist, sich einen Weg durch dieses Gestrüpp zu hacken. Und es scheint unmöglich, dass ein Sterblicher, noch weniger eine Gruppe, es in kurzer Zeit schafft, dieses Hindernis zu überwinden, um zur Befreiung der Kinder zur Stelle zu sein. Dennoch geschah es. Es ist Rotans planvollem Handeln zuzuschreiben, dass es gelang. Als der Morgen graute, erreichten sie das Lager der Piraten. Auch diese waren natürlich mit dem Gelände vertraut und erwarteten keinerlei Angriff aus dem Inland. Keiner hielt Ausschau in diese Richtung. Aller Augen der Wachen waren gen Meer gerichtet." Es herrschte vollkommene Stille. "Auf dem Rest des Weges schnitt sich Mann für Mann einen eigenen Tunnel durch das Unterholz. Nachdem sie den blanken Felsen erreicht hatten, hielten sie alle inne und warteten auf Rotans Zeichen. Dieser führte zuerst eine Handvoll Männer zwischen den Felsen hindurch. Es war ein glücklicher Umstand, als sie feststellten, dass der gefangene Pirat die Wahrheit gesprochen hatte, was den Lagerplatz der Banditen betraf. Leider hatte er über die Anzahl der Piraten die Unwahrheit gesagt. Es waren doppelt so viele wie angenommen. Doch blieb keine Zeit, mit dem Schicksal zu hadern. Die Überraschung war immer noch auf der Seite der Dreggen und es sollte sich zur Feuerprobe gestalten, zu sehen, wie die Piraten auf eine solche Überraschung reagierten. Die Piratenbucht war vom Meer her nicht einsehbar. So war es auch für die Piraten nicht möglich, das Meer von ebener Erde aus mit den Augen abzusuchen. Deshalb hatten sich einige Wachen erhöhte Stellen an der Küstenlinie gesucht und hielten von dort aus Ausschau. Der Gefangene hatte Rotan gesagt, es würden sich fünf Wachen während der Nacht an der Küste aufhalten. Aber er hatte nichts von den befestigten Zelten, den niedrigen Hütten und den offensichtlichen Waffenlagern erzählt. Er hatte die vielen Fischölfeuer in den allerorts aufgestellten, in Feuer gehärteten Kallebassen nicht erwähnt. Die an einigen Zelteingängen dösenden Wachen hatte er ebenfalls vergessen. Es gehörte keine prophetische Gabe dazu, anzunehmen, dass sich in diesen Zelten die Kinder befanden. Rotan zählte vier Zelte, die als Ziele in Betracht kamen. Das hoffte er jedenfalls, denn von seinem Versteck aus waren nicht alle Zelteingänge einsehbar. Es würde sehr riskant sein." Rückten die Zuhörer näher heran? Eigentlich lag das nicht im Bereich des Möglichen, zumal die Emporen unverrückbar schienen. Vielleicht war es auch nur die Magie des Augenblicks, der Zeitpunkt, wenn Erzähler und Zuhörer zu einer Einheit wurden und die Vorstellungskraft eine eigene Welt schuf. Die Sterne strahlten auf die Anwesenden herab. Vielleicht waren es aber nicht die Sterne, vielleicht waren es die Augen der Götter, die sich Touben zuwandten. "Rotan gab seinen besten Männern ein Zeichen. Sie teilten sich in zwei Gruppen auf. Die Zeit drängte. Der Sonnenaufgang stand bevor. Bald waren die Wachen auf den Anhöhen überwältigt und der eigentliche Angriff begann." Nur zehn Erzähler waren übrig und Touben war einer von ihnen. Was er sich nicht vorzustellen gewagt hatte, war eingetreten. Auf dem großen Platz war alles versammelt, was in Chalia-Isla Rang und Namen hatte. Toubens Aufregung war größer denn je. Inzwischen hatte er vier Erzählungen vorgebracht und sich wacker gehalten. Die innere Aufregung, dieses seltsame Gefühl im Hinterkopf, der Druck auf dem Herzen, der Schweiß zwischen seinen Schulterblättern und der leichte Schleier vor seinen Augen, all das konnte er nicht mit einem Mal überwinden. Er spürte nur stets, wie das Gefühl im Laufe seines Vortrags schwand. Die Befreiung, ein anderes Wort fiel ihm dazu nicht ein, war ein ungeheuerliches Gefühl. Es schien, als falle ein enger Harnisch von ihm ab, ein Käfig mit sehr dünnen Gitterstäben. Endlich schien die Luft richtig in sein Innerstes vordringen zu können. Es fühlte sich an wie greifbare Freiheit. In diesen Momenten, wenn die Augen aller auf ihn gerichtet waren, der Bann gebrochen war, war Freiheit kein simples Wort mehr. Dann konnte er sie packen und noch den letzten Rest Lebendigkeit aus ihr herausquetschen. "Wie ging es weiter?" Es herrschte eine Pause zwischen zwei Erzählungen und ein kleiner Junge hatte sich zu Touben gesellt. Er zupfte an Toubens Jacke. "Wie ging es weiter?" "Wie ging was weiter?" "Die Geschichte?" Touben bezähmte die Gefühle, die ihn aufwühlten und zugleich quälten. Er begab sich in die Hocke und schaute dem Jungen ins Gesicht. "Welche Geschichte?" zwang er sich in aller Ruhe zu sagen. "Die Geschichte, die du erzählt hast. Vor vier Tagen. Wurden die Kinder gerettet?" "Diese Geschichte! Natürlich wurden die Kinder gerettet. Das habe ich doch erzählt." Der Junge kratzte sich verlegen am Kinn. "Ich durfte nicht bis zum Schluss bleiben. Es war zu spät. Alle Kinder wurden also gerettet. Das ist schön." "Haben deine Eltern dir noch nie davon erzählt?" "Meine Eltern mögen die Dreggen nicht und von Rotan habe ich noch nie gehört." Touben nickte wissend. "Ich bin gleich an der Reihe und möchte mich noch etwas sammeln." "Erzählst du wieder eine Geschichte über die Dreggen?" "Diesmal nicht, kleiner Mann. Wie du selbst sagst, Dreggen sind hier nicht sehr beliebt. Ich erzähle heute eine Geschichte, die mir selbst geschehen ist." "Bist du nicht auch ein Dreggen?" "Na, ja, ich bin auch ein Dreggen, aber ich bin kein Krieger. Ich war nie einer. Ich bin ein Dreggen aus Zufall. Niemand kann einem anderen seine Herkunft vorwerfen, verstehst du?" Touben begleitete seine Worte mit einem Lächeln. "Nein." "Vielleicht wirst du es irgendwann verstehen." Toubens Lächeln verkrampfte sich. "Ich muss mich nun wirklich sammeln." "So gelangten die beiden Jäger zurück in die Stadt. Mehr tot als lebendig waren sie. Ihre Kleidung hing ihnen in Fetzen vom Leib, ihre Waffen waren zertrümmert, die Bögen unbrauchbar. Trotz alledem gingen sie aufrecht. Aufeinandergestützt zwar, aber stolz. Sie hatten die Wilderer gestellt und besiegt. In ihrem Gepäck trugen sie verschiedene Bündel mit Beutestücken, die sie den Wilderern abgejagt hatten. Dies sollten nun Geschenke an ihre Herren sein. Das größte Geschenk waren sie jedoch selbst. Ihrer beider Frauen hatten sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihre Männer wieder zu sehen. Sie lachten, sie weinten, sie umarmten die Heimkehrer. Noch viele Jahre danach erzählten sich die Jäger anderer Gilden von diesem gewaltigen Abenteuer." Die Begeisterung der Zuhörer über diesen Vortrag fiel milde aus, begeistert war niemand so recht. Eine Vielzahl der Anwesenden neidete den Jägern wohl ihre gesellschaftliche Stellung, die etwas über aber auch neben dem Leben der anderen lag. Jäger zog es die meiste Zeit in die Wildnis. Ihre Umgangsformen waren manchmal etwas rau, doch durchweg ehrenhaft. Da es sich bei den Jägern aber auch um eine in sich geschlossene Gesellschaft handelte, wussten die meisten nichts von den Gepflogenheiten dieser kleinen Gruppe. Fremdheit förderte Gerüchte, und Gerüchte waren nie positiver Natur. Touben war die Zurückhaltung der um ihn Stehenden aufgefallen. Er fand es ein wenig schade, allerdings nur ein wenig, denn das Versagen der anderen würde ihm nur zum Vorteil gereichen, falls ihm das Kunststück der Fesselung der Zuhörer ein fünftes Mal gelingen würde. Als Touben das Rund betrat, war er zuerst verblüfft über den Aufbau ringsum. Bisher waren die Tribünen roh gezimmert gewesen. Sie mussten für einige Tage im Jahr halten, danach rissen die Arbeiter sie ungeachtet des handwerklichen Geschicks der Erbauer wieder ab. In diesem Rund hatten sie Tribünen aus Stein errichtet, ein kleines Theater für Veranstaltungen aller Art. Es gab sogar einen kleinen Bereich für die auftretenden Künstler. Künstler! Welch hohes Wort! Touben sah sich nicht als Künstler. Gleichwohl hatten sie so zu ihm gesagt: "Geht nach hinten, in den Bereich der Künstler, hinter den feuerroten Vorhängen." Der alte Mann kannte nicht einmal im Leuchtenden Hort ähnliche Bereiche. In der Hauptstadt mussten Gaukler, Artisten oder Erzähler stets ihre eigenen Zelte aufstellen, um sich ungestört vorbereiten zu können. Von der Seite der Obrigkeit her bestand kein Interesse an der Unterstützung des wandernden Volkes, wie es gemeinhin genannt wurde. Die Tribünen waren höher als alle anderen Tribünen, die Touben vorher gesehen hatte. Es waren viele Gäste gekommen. Hunderte so schien es, wenn nicht tausende. Ein Stimmengewirr raunte und rauschte wie das Blattwerk eines dichten Waldes im sommerlichen Wind. Kühl wehte es auch durch das Rund. Als Touben die Mitte des Runds erreichte, erstarben die geraunten Worte nach und nach, bis die Stille für den alten Mann in der Mitte beinahe unerträglich wurde. Wieder einmal war er der letzte in der Reihe der Erzähler an diesem Tag. Ein, zwei der anderen Erzähler hatten ihm gesagt, viele seien nur wegen ihm an diesem Tag gekommen. Ob sie es gesagt hatten, damit er von seiner Aufregung übermannt wurde, oder um ihm Mut zu machen, konnte er nicht sagen. Das Verhalten der Einwohner des Leuchtenden Hortes, seiner Heimatstadt, hatte ihn zu misstrauisch gemacht. In diesem Moment war es auch ohne Belang, denn jetzt galt es kühlen Kopf zu bewahren. "Einmal im Leben." Toubens erste Worte sollten die Aufmerksamkeit aller noch mehr verstärken. Er bemerkte nicht, dass diese Aufmerksamkeit keiner Steigerung mehr bedurfte. Die Stille, die ein eigenes Gewicht zu haben schien und schwer auf seinen Schultern lastete, bewog ihn, sogleich weiter zu reden. "Einmal im Leben trifft ein jeder auf ein Ereignis, welches ihn zutiefst beeindruckt. Einige sind nur sehr klein. Manche hingegen sind sehr groß und für jedermann zu erkennen." Touben setzte auf eine Jedermann-Geschichte. So gab es doch viele, die eine Geschichte zu erzählen hatten. Dramatik gab es allerorten. Die Schlachten waren nicht vergessen, was sich jeden Tag auf dem Meer abspielte, noch weniger. Jedermann konnte eine Jedermann-Geschichte bewerten. "Ich hatte viele Jahre der Wanderung hinter mir, hatte mich mehr schlecht als recht durchgeschlagen, hatte Räuber getroffen in den Wäldern im Grenzland und Piraten an den Küsten von Tomcall. Das Wenige, was ich hatte, war mir gestohlen worden und Freunde waren in schlechten Zeiten selten. Es war einer jener Tage, der einen Mann glauben lässt, das Ende sei gekommen, obwohl man alles in seiner Macht stehende getan hat, hat es dennoch nicht gereicht." Die Fischer unter den versammelten Zuhörern nickten. Für den letzten Tag des Wettbewerbs trugen alle ihre schönsten Kleider. Alle benahmen sich sehr gesittet. Fast schien es, als handele es sich um einen Gottesdienst. Vielleicht trugen aber auch schon Toubens Worte Früchte unter den Anwesenden. "Es war ein kleines Küstendorf, in dem ich vorübergehend Zuflucht gefunden hatte. Die Bewohner waren freundlich gegenüber Fremden, aber auch zurückhaltend. Ein Fischer bot mir ein Nachtlager gegen Arbeit und einen Teil des Fangs für den Eigenbedarf, wenn ich ihm bei den Netzen und dem Ausweiden half. Die Arbeit war hart. Eine gute Arbeit, einfach und gut. Wenn der Fang gut war, war sie auch gerecht. In dieser Gegend hörten wir nur wenig von den Fehden der Fürsten oder von den Kriegen zwischen den Völkern. Der Leuchtende Hort war weit entfernt. Am Tage brannte die Sonne heiß auf unsere Köpfe, bis unsere Haut aussah wie dunkles Leder. Unser Haar bleichte aus und ständig quälte uns der Durst. Des Abends aßen wir Fisch, tranken wir würzige Suppe und sauren, verdünnten Wein aus den Bergen von Zorp. Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr ich das Leben wieder wertschätzen lernte. Es war gutes Gefühl sich nachts nieder zu legen und einen wohl verdienten Schlaf zu schlafen." Touben machte eine bedeutungsvolle Pause und holte tief Luft. "Eines Tages kam ein Wind von Land her auf. Das war selten. Ein fernes Rauschen kündigte sie an, lange bevor sie überhaupt zu sehen waren. Wir saßen zum Abendessen zusammen. Meine Gastgeber horchten als erste auf. Ihre Ohren waren viel geübter als die meinigen und sie achteten besser auf das, was von den gewohnten Geräuschen abwich. Es war ungewöhnlich für sie. Gehört hatten sie es dennoch nie zuvor. Wir ließen die Speisen auf dem Tisch stehen, wo sie noch heiß vom Herdfeuer dampften, und traten nach draußen. Das Rauschen kam von jenseits einer Hügelkette, die wenigstens eine halbe Tagesreise von der Küste entfernt war. Auch andere Dorfbewohner hatten den seltsamen Lärm vernommen. Männer, Frauen, Kinder und Alte, sie alle kamen nach draußen auf die Dorfwege und hielten Ausschau. Eine Wolkendecke stieg von der anderen Seite Hügel her auf. Und mit ihr kamen geflügelte Wesen. Schnell wurde uns allen klar, dass es sich nicht um Wolken handelte, sondern um Staub und Dreck, der von ihren gewaltigen Schwingen aufgewirbelt wurde. Ihre Körper waren dunkel, lang gestreckt, ihre Flügel waren wie Segel eines großen Schiffes und waren auf jeden Fall größer als die Segel der Fischerboote aus dem Dorf. Furcht und Ehrfurcht ließen uns alle erstarren. Die Gesichter der fliegenden Fremden waren schmal, dreieckig, mit einem spitzen Kinn. Die Augen lagen tief in den Höhlen, strahlten blau. Das Rauschen, was wir alle hörten, kam nicht direkt von ihren Flügeln, denn diese bewegten sich absolut geräuschlos durch die Luft. Einzig der Wirbel war zu hören, all der Dreck, der wieder zu Boden fiel, die Böen, die wie Staubfahnen umherschleuderten, aber nicht die Schwingen. Es war unheimlich, und es war ein Glück, dass die Fremden nicht an uns interessiert waren. Sie fegten über uns hinweg in niedrigem Flug. Der Wind, den sie erzeugten, stieß uns zu Boden, ließ uns übereinander hinwegrollen. Es gelang mir, einen genaueren Blick auf diese Wesen zu werfen. Ihre Arme und Beine waren lang und dünn wie ihre Körper. Finger und Zehen besaßen lange Nägel. Niemand von uns, nicht einer, hätte sie irgendwie aufhalten können. Wir alle wären leichte Beute gewesen, zu welchem Zweck auch immer. Wenn ich gewollt hätte, wenn ich fähig gewesen wäre, mich von meinem Schrecken zu befreien und mich zu bewegen, hätte ich den Arm ausstrecken und sie berühren können. Die Haut schien ledrig, besonders zwischen den aufgespannten Flügeln. Als das Brausen und Toben nachließ und wir uns alle wieder ein Herz fassten, sah ich, dass die alten Ansässigen weitaus weniger erschrocken waren als die jüngeren Dorfbewohner. Gerade so, als wüssten sie etwas mehr." Touben, der inzwischen selbst älter war als so mancher, dem er damals im Dorf begegnet war, erinnerte sich plötzlich mit absoluter Klarheit an alles, was geschehen war. Einen Augenblick lang schien es ihm, er habe die falsche Geschichte gewählt. Sie war zu ernst, vielleicht, zu mysteriös, selbst für dieses Land, in dem Götter verschiedenster Art zur Tagesordnung gehörten. Vielleicht lag es auch daran, dass er die Geschichte persönlich erlebt hatte. Er ging langsam auf und ab, sinnend wie ein städtischer Bediensteter, der einem kleinen Nebengeschäft bei verschiedenen Händlern nachging und dort unverschämt Geldstücke eintrieb. "Wir schauten den Fremden noch lange nach. Sie flogen über das Meer davon, immer noch sehr tief. Dort zogen sie einen langen Sprühnebel hinter sich her. Ich zählte sie und kam auf gut zwanzig. Wir wissen von Feen. Die Mutter des göttlichen Fransinatrus war eine Fee. Doch diese Fremden waren weit davon entfernt etwas Edles auszustrahlen. Sie wirkten eher dämonisch, wie etwas, das sich Kolra einstmals erdachte, wie den Angstschmied, der uns nur in unseren Träumen heimsucht. Die Versammlung der Dorfbewohner löste sich langsam auf. Alle Eltern scheuchten ihre Kinder nach Hause, einige bedeckten die Augen ihrer Kinder mit den Händen, etwas spät, aber das Erstaunen über das Erscheinen der geflügelten Wesen saß zu tief. Ich wandte mich von meinen Gastgebern ab und suchte die Alten. Einer von ihnen erwiderte meinen Blick. Dem Mann ging ich nach." Touben berichtete in wenigen Worten, wie der alte Mann aus dem Dorf eine kleine Hütte aufsuchte und sich dort niederließ. Er starrte einfach nur auf den Eingang und erwartete Touben. Zögerlich trat der Mann aus der Stadt in die Hütte des Mannes vom Land. Die Ausstrahlung des älteren Mannes verhinderte, dass Touben das Gespräch begann. So wartete er. Und wartete. Und wartete. Gerade als er aufgeben und aus dem Schneidersitz wieder aufstehen wollte, erzählte ihm sein Gegenüber alles, was Touben wissen wollte, ohne auch nur eine Frage gestellt zu haben. "Niemand wusste, wer die Fremden waren. Bekannt war aber, dass sie häufiger den Weg über diesen Landstrich zum Meer nahmen. Seltener flogen sie dabei genau über das Dorf. Andere Alte hatten sie schon über den Ebenen und den Wäldern gesehen. Stets war ihr Auftauchen plötzlich gekommen und schnell vorüber. Ihr Weg ließ sich nicht zurückverfolgen und wenn man es recht bedachte, wollte es auch niemand. Jeder, der ihnen begegnete, war froh, wenn die Fremden wieder verschwunden waren. Der Alte erzählte mir, die Fremden habe er schon als kleiner Junge gesehen. Die Wenigsten hätten gesehen, wie die Fremden jemals zurückgekommen waren. Für die meisten ging die Reise immer nur in Richtung des Meeres. Der Alte hatte sie einmal zurückkommen sehen. Und sie waren nicht allein gewesen. In ihren Klauen trugen sie andere mit sich. Manchmal Dreggen, manchmal andere Wesen, die keiner im Dorf jemals zuvor gesehen hatte." Sklavenjäger. Das Wort stand wie ein Fanal im Rund, obwohl Touben es mit keiner Silbe ausgesprochen hatte. Jeden hier schreckte die Vorstellung, in die Sklaverei geschleppt zu werden. An schreckliche Orte, fremde Orte, zu schrecklichen Herren, unter dem Joch und der Willkür von Barbaren. Selbstverständlich wurden in Chalia-Isla auch Sklaven gehalten und die reicheren Bürger hatten oft Sklaven gekauft oder verkauft. Es war unvergleichlich schwieriger, den Schrecken zu ertragen, wenn die Aussicht bestand, auf der anderen Seite der Kette zu stehen und selbst am Hals geführt zu werden wie ein niederes Schoßtier. Sklavenjäger waren im ganzen Königreich berüchtigt. Sie fingen jeden, ausnahmslos jeden, der sich nicht in einem Haus in Sicherheit bringen konnte. Geflügelte Sklavenjäger waren in der Küstenstadt unbekannt. Zu hören, wie oft diese Wesen andernorts an der Küste zuschlugen, versetzte Toubens Zuhörer in instinktive Panik. "Seltsam war und blieb die Tatsache, dass niemals von den Fremden auch nur der Versuch unternommen worden war, einen der Dorfbewohner zu entführen. Natürlich beschwerte sich keiner darüber." Touben lächelte. Dem Witz gelang es jedoch nicht, durch den Schrecken durchzudringen. Seine Zuhörer schauten ihn gar zu ernst an. Er hätte es wissen müssen. Sklavenjäger gehörten nicht zu den Themen, die für Heiterkeit oder Unterhaltung sorgten. Das sollten sie aber auch nicht. Touben hatte ein wohlig gruseliges Gefühl in seinen Zuhörern erzeugen wollen, um sie anschließend wieder langsam an Spannung und Humor heranzuführen. Er versuchte es mit dem Helden, der Identifikationsfigur. Er verließ damit zwar die Pfade der Wahrheit, doch wenn es dem Sieg des Erzählerwettbewerbs diente, würde er sagen, was nötig war. "Es war die Neugier, die mich am nächsten Morgen aus dem Dorf und in die Richtung trieb, aus der die Fremden gekommen waren. Es war unvernünftig, gewiss, aber welches Abenteuer folgt der Vernunft. Ich hatte mir vorgenommen, nicht allzu weit zu laufen. Den Hügelkamm würde ich sowieso nicht binnen eines Tages erreicht haben. Was ich genau wollte, weiß ich heute auch nicht mehr. Ich dachte, es ließe sich vielleicht etwas finden, was die Fremden verloren hatten. Irgendetwas. Schließlich waren sie sehr tief über das Land geflogen. Es wäre also möglich gewesen, dass ihre Flügel die Baumwipfel gestreift und sie dabei Schuppen oder etwas Haut der Flügel verloren hatten. Ich lief den halben Tag durch das Dickicht, später durch den Wald. Abwechselnd schaute ich auf den Boden und in die Baumwipfel, allerdings gab es nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Es war viel zu normal, und ich war richtig enttäuscht." Seine Zuhörer hatten sich weitestgehend zurückgelehnt und schienen nur noch mit einem Ohr zu lauschen. Nun, sei's drum, dachte Touben, dann kann ich sie auch richtig erschrecken. "Des Mittags ließ ich mich auf den knorrigen Wurzeln eines riesenhaften Baumes nieder, genoss ein karges Mahl. Ich trank gerade aus einem Wasserschlauch und rechnete gerade beim höchsten Stand der Sonne mit keinerlei Überraschungen mehr, als ich ein mir bekanntes Geräusch vernahm. Das Brausen und Toben. Diesmal jedoch konnte ich nicht sagen, woher das Geräusch kam. Das Blattwerk über mir war so dicht, dass ich noch nicht einmal den Himmel sehen konnte. Ich verstaute die Habseligkeiten wieder. Mit einem Mal wurde mir bewusst, wie närrisch ich mich verhalten hatte, diese Wanderung zu wagen. Es gab ein paar Stellen, wo das Dickicht undurchdringlich und undurchschaubar war. Fluchtwege gab es kaum. Am besten war es, wenn ich den Weg zurückging, den ich gekommen war, nein, plötzlich hatte ich das Gefühl, dass zu laufen, eine noch viel bessere Idee war. Ich weiß nicht, was mich so hetzte, denn es gab ja nichts zu sehen. Nur das Geräusch war überall. Kurz darauf, ich lief längst um mein armseliges Leben, keuchte und japste vor mich hin, da bewegten sich über mir die Blätter. Zu Beginn achtete ich kaum darauf. Als der Wind durch das Blattwerk drückte und über mir zusammenschlug, bekam ich furchtbare Angst. Ich dachte, nun sei mein letztes Stündlein gekommen. Das Glück ist mit den Dummen, so sagt man in der Stadt. Ich glaube, auf dem Land auch. Ich war dumm und hatte Glück. Bevor ich der Länge nach hinfiel, mir den Kopf stieß, ebbte das Geräusch schon wieder ab und ich wähnte mich in Sicherheit." Befriedigt stellte Touben fest, dass doch einige, wenn nicht sogar viele seiner Zuhörer, die Luft ausstießen, die sie Momente lang angehalten hatten. "Schon oft hatte ich in meinem Leben dieses Gefühl von trügerischer Sicherheit gehabt. Eigentlich sollte ich längst geübt darin sein, wie sehr ich jedes Mal falsch damit liege. Aber der Wunsch nach einem guten Ende ist immer größer als eine vernünftige Einschätzung. Keine Weisheit, die ich mir habe einfallen lassen. Lehrer im Tempel erläuterten sie mir. Aber sie hatten zweifellos recht, denn kaum war das Brausen und Toben vorüber, schienen hinter mir alle Dämonen der Unterwelt durch das Unterholz zu brechen. Ein Teil von mir musste einen kleinen Überlebenswillen haben und reagierte. Ich rollte mich seitlich unter das Buschwerk und wurde von ihm vor fremden Blicken verborgen. Die Blätter waren giftig, doch das sollte ich erst später merken. Und da ich weiterhin dumm war, konnte ich es auch nicht lassen und musste einfach nachschauen, was da nun am Boden über mich hereinbrach. Dunkelheit umgab die Stelle, wo ich hingefallen war. Einzig ein seltsames Licht tanzte den Weg entlang. Ich konnte es nicht deuten. Ein Irrlicht? Ein Insekt? Plötzlich waren da mehrere dieser Funken. Sie blieben aber nicht auf der Stelle stehen, sondern bewegten sich in einem fort in die Richtung, in die ich auch gelaufen sein wollte. Meine Augen gewöhnten sich an die dämmrige Umgebung, so konnte ich erkennen, dass es sich bei den kleinen Lichtern nicht um Insekten sondern um Augen handelte. Sie steckten in den Köpfen seltsamer Reittiere mit kantigen Mäulern, langen, eckigen Zähnen, spitzen Ohren, unglaublich klobigen Körpern auf sagenhaft dünnen Beinen. Und auf ihnen saßen Grimmschis." Touben ließ das letzte Wort lange auf seine Zuhörer einwirken, indem er die Pause in die Länge zog und so die Nervosität unter den Anwesenden schürte. Es gab sogar welche, die sich umschauten, ja sogar nach oben blickten. Da wusste der Erzähler, dass er gewonnen hatte, wenn ihm von nun an kein Fehler mehr unterlief. "Ich bin wohl einer der wenigen in diesem Land, die sie aus der Nähe beobachten durften, ohne von ihnen verschleppt zu werden. Ich konnte sie nicht nur sehen, sondern auch riechen. Und Kolra weiß, wie übel sie riechen. Sie stinken! Der Gestank der aus ihrem blauen kurzen Fell aufsteigt, ist unerträglich. Zusammen mit dem Geruch ihrer Reittiere ergibt sich eine Mischung, die nur schwer auszuhalten ist. Mit Mühe gelang es mir, ein Würgen zu unterdrücken, ein Gefühl, das ich bis heute nur bei dem Anblick und Geschmack eines Grumpf-Omeletts verspürte. Trotzdem zwang ich mich, hinzusehen." Nun gab es so manchen der Zuhörer, der zwar abgestoßen war, sich aber dennoch interessiert vorbeugte. Da sich die meisten Leute vor den Grimmschis versteckten, hatten nur wenige etwas über sie zu berichten und es gab niemanden, dem es jemals gelungen wäre, aus ihrer Gewalt zu entkommen. "Ist ihr Körperfell auch kurz, so ist das Haar auf ihrem Kopf umso länger. Es sieht aus wie das Ende eines Besens. Darunter verbergen sie ihr Gesicht mit einer Maske. Ausnahmslos alle Reiter, die an mir vorüber zogen, trugen eine Maske aus hellem Leder, welche die Augenpartie und die Nase verdeckte. Ihre Münder waren zähnefletschend geöffnet, das Kinn darunter war kurz. Eingerahmt wurden ihre Gesichter von buschigen Schlappohren. Manchmal schlugen diese Ohren kurz hintereinander vor und zurück. Ich begriff, dass sie damit flatterndes Viehzeug aus ihrem Gesicht vertrieben. Die Grimmschis selbst sagten nichts, noch gaben sie sonst ein Geräusch von sich. Ihre Reittiere verhielten sich völlig gegensätzlich. Sie grunzten und schnaubten, sie knirschten mit den Zähnen und rieben ihre Kiefer aufeinander, ihre Schweife peitschten umher und schlugen mit einem klatschenden Laut auf das Blattwerk ringsumher. Ihre Reiter blieben von dem Krach völlig unbeeindruckt. Sie ließen ihre Tiere gewähren. Manche, die ich in jenen Tagen vorher getroffen hatte, hatten stets behauptet, Grimmschis seien ein unorganisierter Haufen von Söldnern mit schlechter Haltung, schlechter Bewaffnung und ohne Disziplin. Ich kann das nicht bestätigen. Ihre Kleidung war uniform und solide. Ihr Oberkörper wurde durch einen Lederpanzer geschützt und die Muskeln ihrer Arme und Beine kündeten von Stärke, die Länge ihrer Finger- und Fußkrallen sprach die Sprache von brachialer Gewalt. Einige von ihnen schmückten sich mit kleinen Schädeln von Tieren. Sie hatten sie an ihren Gürteln hängen. Ketten mit Zähnen und Krallen hingen von ihren Hälsen herab und ein paar hatten sich kleine Knochen durch die Ohren gesteckt. So roh es auch wirken mochte, steckte doch auch Methode dahinter, denn nie hatte ich beim Anblick eines fremden Volkes jemals wieder solche Angst. Ihre Bewegungen schienen immer überlegt zu sein, keine Hast lag darin, alles ging furchtlos vonstatten und vermittelte ein Gefühl der Überlegenheit. Es graute mir!" Den letzten Satz hatte Touben viel lauter ausgesprochen als die anderen zuvor. Das Publikum schreckte zusammen wie ein Mann. Touben hätte sehr gerne triumphierend gelächelt, gab dem Drang jedoch nicht nach. "Der Wind über den Blättern der Baumwipfel, das Knistern des Geästs, das Brausen ließ nach. Die Grimmschis schien es nicht im geringsten zu stören oder wenigstens zu beunruhigen. Auch ihre Reittiere wurden von diesen Geräuschen nicht abgelenkt. Da beide, das Brausen wie die Grimmschis, dieselbe Richtung verfolgten, ging ich davon aus, dass sie in irgendeiner Beziehung zueinander stünden. Wahrscheinlich gehörten sie sogar zusammen, waren allesamt Sklavenjäger. Und wenn ich es recht betrachtete, gab es gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Grimmschis und den fliegenden Dämonen, die ich über dem Dorf gesehen hatte." Touben drückte zog seinen Kopf zwischen seine Schultern ein und wollte eben weiter erzählen, als eine ihm bekannte Stimme dazwischen sprach. "Woher weißt du, dass es Grimmschis waren?" Unerhört! Jemand machte bei der Erzählung einer Geschichte während des Wettstreits einen Einwurf. Das hatte es vorher noch nie gegeben. Touben war schockiert. Vieles hatte er sich ausmalen können. In den schlimmsten Fällen hatten seine Vorstellungen sich um geworfenes, verfaultes Obst gedreht oder um Zuhörer, die angewidert seinen Vortrag verließen. Vielleicht hatte er sogar an Erwachsene gedacht, die ihren Kindern an besonders schlüpfrigen Stellen die Ohren zuhielten. Er wusste es nicht mehr genau. Doch nie, kein einziges Mal, hatte er daran gedacht, jemand aus dem Kreis der Zuhörer würde während seines Vortrags eine Zwischenfrage stellen. "Woher weißt du, dass es Grimmschis waren? Wenn du sie noch nie zuvor gesehen hast, wie konntest du wissen, dass es Grimmschis waren?" Jetzt wandten sich aller Gesichter dem Fragesteller zu. Auf einer Empore, die dem einfachen Volk zugeteilt war, in der allerletzten und somit höchst gelegenen Reihe, stand ein Mann auf. Die Haltung war sehr aufrecht, die Schultern breit, allerdings verdeckt durch einen langen Umhang. Weiße Haare standen struppig von seinem Kopf ab. Ein ebenso weißer Bart bedeckte einen großen Teil seines Gesichts und ein schmales Tuch über seinem linken Auge ließ ihn verwegen aussehen, fast wie einen Piraten. Toubens Augenlicht war nicht mehr so gut wie in jungen Jahren. Alles, was weiter weg war, verlor sich zunehmend hinter einem diffusen Schleier. Die oberste Reihe der Empore befand sich hart an der Grenze seiner Sehfähigkeiten. Den weißen Haarschopf, den Bart und das verbundene Auge hätte er aber auch verschwommen erkannt. Hinzu kam die Stimme, die so eindeutig klang wie kaum eine zweite. Touben schluckte. "Ich wusste es zu dieser Zeit nicht", antwortete Touben wahrheitsgemäß. "Zu dieser Zeit waren es nur finster aussehende Grobiane für mich, denen man besser aus dem Weg ging." "Aber heute weißt du es? Wieso?" Der weißhaarige Mann gab nicht auf. "Ein Krieger, den ich später traf, hatte auch eine Begegnung mit ihnen. Möglich, dass es auch mehrere waren. Er klärte mich darüber auf, welche Halunken ich da beobachtet hatte." "Und sein Name? Wie lautet der Name dieses Kriegers?" Der Mund verschwand zur Gänze hinter dem Bart, nur der veränderte Klang der Stimme ließ ein Lächeln des Mannes erahnen. "Rotan. Sein Name war Rotan", entgegnete Touben so laut er konnte, weil er vermutete der Weißhaarige würde das von ihm erwarten. Der Mann oben nickte, dann schwang er sich über den rückwärtigen Rand der Empore in die Tiefe und ward nicht mehr gesehen. Viele der Zuhörer hoben mit erstaunter Miene ihre Augenbrauen - sofern sie welche besaßen und nicht andere Verhaltensweisen des Erstaunens zeigten. Rotan. Der Name war ihnen aus Toubens erster Erzählung bekannt. Die Versammelten im Rund nahmen diese Unterbrechung nachträglich wohl als geschickte Art der Spannungssteigerung auf, obwohl es gegen jede unausgesprochene Regel war und den Anstand verletzte, den man in Chalia-Isla sonst den Erzählern entgegenbrachte. "Nun, denn", sprach Touben, "ich erfuhr erst Jahre später, dass ich es mit Grimmschis zu tun gehabt hatte und beinahe schlotterten mir durch dieses Wissen einmal mehr die Knie, denn erst an diesem Tage wurde mir deutlich, in welcher Gefahr ich damals geschwebt hatte." Touben gestattete sich diese neuerliche Pause und sah noch einmal nach dem Weißhaarigen, doch Rotan zeigte sich nicht mehr. "Als die Grimmschis, die Strolche, an mir vorbei ritten, verfügte ich nicht über dieses Furchterregende Wissen und verhielt mich dummdreist, keck, ja närrisch. Ich wollte mehr sehen und war sogar versucht, einen Arm auszustrecken und nach den Beinen ihrer Reittiere zu greifen, ganz so, wie ich es mir schon bei den fliegenden Dämonen vorgestellt hatte. Noch hielt ich mich zurück. Ich konnte allerdings nicht anders und musste genauer sehen, wie viele Grimmschis der Trupp umfasste. So schaute ich und bewegte meinen Kopf ganz langsam und leise am Boden entlang. Ich ignorierte das Getier, was dabei über mein Gesicht kroch und mit seinen langen, dünnen, haarigen Beinchen fürchterlichen Juckreiz auslöste. Wenigstens fünfzehn Grimmschis mussten mich in diesem Augenblick schon passiert haben, mindestens zwanzig von ihnen folgten dem Tross noch. Wie furchtbar weh tat ihr Anblick doch! Ja, wirklich, er schmerzte in den Augen! Angst und Schmerz können die Sinne benebeln, können Täuschungen hervorrufen und uns Dinge glauben machen, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Und jetzt, zu eben jenem Zeitpunkt, glaubte ich, dass der Anblick dieser Reiter mir Schmerzen bereitete. Ich schloss meine Augen und presste meinen Mund ganz fest zusammen, nur um nicht laut aufschreien zu müssen. Ich kann nicht sagen, ob diese Reaktion normal ist, ob jedermann so reagiert, der einen Grimmschi sieht. Auch Rotan hat mir nichts davon erzählt. Obwohl meine Angst so groß war, zwang ich mich zur Ruhe und legte meine Hände sehr, sehr langsam vor meinen Mund, nur um keine unbedachte Bewegung zu machen. Als ich vorsichtig meine Augen öffnete, befürchtete ich bereits in die neugierigen Mienen der Grimmschis zu sehen. Ja, wahrhaftig, schon vorher fühlte ich mich gepackt und aus meinem Versteck herausgerissen. Ich besann mich eines besseren, denn schließlich konnte ich sie noch hören, hatte es aber schlicht überhört. Als ich es wagte und meine Augen öffnete, lief soeben das letzte Reittier der langen Reihe an mir vorüber. Ich hatte es wirklich geschafft. Der Schwanz peitschte noch einmal hin und her und schlug in das Gebüsch über mir. Blätter rieselten auf mich herab und bedeckten mich. Es vergingen einige lange Momente, in denen ich meinen Blick nicht vom Hinterteil des vor mir weg laufenden Tieres abwenden konnte. Da fiel mir auf, dass ich nicht atmete. Ich hatte es aus lauter Angst eingestellt. Kaum hatte das Dickicht den Trupp der Grimmschis verschluckt, sog ich so leise wie möglich den Atem ein. Der Geschmack war grauenhaft, hatten doch ein paar der Tiere ihre Erdäpfel direkt vor mir auf den Boden fallen lassen. Aber ich musste atmen." Der alte Erzähler beschloss, an dieser Stelle die Episode ausklingen zu lassen und zum nächsten Abschnitt überzugehen. Touben hatte viel von seinen Zuhörern verlangt. Nach all der Furcht, die er in ihnen zutage gefördert hatte, sollte ihnen nun die Ruhe gegönnt sein, bevor er zum nächsten erzählerischen Schlag ausholte. Von seiner ursprünglich geplanten Geschichte hatte sich Touben inzwischen sehr weit entfernt. Aber Improvisation war er aus seinen Vorträgen in zahlreichen Wirtshäusern gewohnt. Eigentlich hatte er von der mumifizierten Gestalt erzählen wollen, die er im Wald gefunden hatte. Es wäre sicherlich für die Zuhörer auch spannend gewesen zu erfahren, wie er zuerst durch das Loch im Boden gefallen war, direkt hinein in den uralten Kadaver, der sich dann als Überbleibsel eines der fliegenden Dämonen herausstellte. Touben hatte es damals sehr beruhigend gefunden, dass auch diese monströsen Wesen sterbliche Hüllen besaßen. "Wir alle kennen Geister. Wir haben von ihnen gehört, so mancher Seemann hat die Geister der auf dem Meeresgrund Versunkenen nächtens auf dem Wasser tanzen sehen und Lieder grölen hören. Nachdem die Äste und Blätter hinter den Grimmschis wieder einen undurchdringlichen Vorhang gebildet hatten, stieg auch in mir der Verdacht auf, ich sei einer Sinnestäuschung erlegen. Vielleicht waren es die Geister eines untergegangenen Volkes gewesen. Was vor mir wie ein Erdapfel aussah, lag und stank, konnte ebenso gut schon vorher dort gewesen sein. Ich hatte es schlicht übersehen. Vielleicht war es nicht einmal ein Erdapfel, sondern das Machwerk eines Kriechtiers, von denen es, und da war ich mir völlig sicher, mehr als genug in diesem Wald gab. Andererseits hatte ich Grimmschis nie vorher gesehen und meine Einbildungskraft reichte nicht so weit, dass ich mir ein Volk derart mit solch vielen Einzelheiten hätte vorstellen können. Langsam kroch ich aus meinem Versteck. Meine Glieder rührten sich kaum. Zu tief saß noch der Schrecken. Als ich langsam aufstand und den Dreck von meiner Kleidung klopfte, wurde mir erst so richtig bewusst, welchem Schicksal ich da entgangen war. Ich legte damals nicht viel Wert auf meine Existenz. Niemand, nicht einmal die Leute aus dem Dorf würden mich vermisst haben. Ich war ja nichts besonderes, nicht von hoher Geburt oder gar reich. Heute weiß ich, wie wertvoll ein Leben ist, auch meines, und ich denke, die Begegnung mit diesen Wesen hat mich dazu gebracht, mein Leben zu lieben und es wertzuschätzen. Denn ich gestehe, der Gedanke daran, damals, eben in jenem Augenblick, mein Leben ausgehaucht zu haben, durch diese brutalen Wesen, ließ meine Knie schlottern, jagte die Angst bis tief in meinen Bauch hinein und ich übergab mich in den nächstgelegenen Busch. Für diesen Tag hatte ich genug Abenteuer erlebt und kehrte zum Dorf zurück." Touben legte eine neuerliche Pause ein. Er mochte den Eindruck erweckt haben, dies wäre auch das Ende seiner Geschichte gewesen, denn einige Zuhörer blickten sich ratlos an. Andere zeigten schon mehr Geduld und warteten gebannt ab. Der alte Erzähler wollte niemandes Geduld über Gebühr strapazieren, da er wusste, wie kurz in jenem Tagen die Aufmerksamkeit anhielt und wie schwer es war, diese mit nur einer einzigen Geschichte aufrecht zu erhalten. "So sehr ich den Wert meines Lebens auch zu schätzen lernte, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich auch viel dazu gelernt hätte. Ich war am folgenden Tag so dumm wie eh und je. So überlegte ich mir nach einem arbeitsamen Tag bereits wieder, wie ich den Fremden auf die Spur und meine Neugier stillen konnte. Im Dorf hatte niemand die Fremden auf ihren seltsamen Reittieren gesehen. Ich wusste aber inzwischen, dass ich sie mir nicht eingebildet hatte. Auf meinem Weg aus dem Wald heraus hatte ich nämlich dort, wo der Boden weicher war, eindeutige Abdrücke der Tiere gefunden, die ich berühren konnte. Erst auf dem kargeren Boden draußen auf der Ebene und den Hügeln vor dem Wald verloren sich die Spuren. Welchen weiteren Weg die Grimmschis genommen hatten, konnte ich nicht mehr herausfinden. Als dann der nächste Tag einen heftigen Regenschauer über viele Stunden brachte, wusste ich auch, dass eine neuerliche Untersuchung der Spuren nichts mehr einbringen würde, weil der Regen sie bestimmt vernichtet oder wenigstens in weiten Teilen unbrauchbar gemacht haben würde. Ich gestattete mir wenig später einen weiteren freien Tag und sah mich in der Gegend um. Ich überlegte, wenn ich einen Reitertross von fünfunddreißig Mann durch das Gelände zu führen hätte und nicht gesehen werden wollte, welchen Weg würde ich nehmen? Über einen Zeitraum von einem halben Zyklus suchte ich ein-, zweimal im Monat nach einem solchen Weg und wurde nicht fündig. Fast machte es den Anschein, als seien die Grimmschis ganz offen über das Gelände geritten und alle, die sie hätten entdecken können, hätten sich furchtsam abgewendet und ihnen den Rücken zugekehrt. Irgendwann später, der Winter kündigte sich an, die Tage wurden kürzer und düster, fand ich durch puren Zufall heraus, wie es sich an jenem Tag zugetragen haben musste." Touben zeigte auf den Boden. "Sie hatten die Oberfläche verlassen und mussten durch einen Tunnel geritten sein, dessen Eingang ich nicht gefunden hatte. Der Gedanke war abenteuerlich, aber nicht abwegig, hatten doch Belagerer auf ähnliche Art schon Festungen und Städte niedergerungen. Ich suchte den Ort auf, an dem ich vor Monaten die letzten erkennbaren Spuren ausfindig gemacht hatte. Verschiedene Senken boten sich von dort aus zum Weiterreiten an. Ein Reiter, der sich gebückt im Sattel hielt, konnte außer von der Meeresseite kaum gesehen werden. Die meisten Senken führten bald wieder aus den Hügeln heraus, andere waren nicht tief genug, um einen Trupp zur Gänze und eine längere Wegstrecke hinweg zu verbergen. Sie mussten in Richtung des Meeres gewollt haben. Etwas anderes stand für mich außer Frage. Hier gab es nichts außer dem Meer, was von irgendeinem Nutzen war. Die Dörfer waren zu klein, der Boden kaum tragfähig für Felder. Einzig ein paar Strauchobstsorten und diverse Kräuter ließen sich hier mit Erfolg züchten. Nein, wer hier überleben wollte, suchte sein Heil auf dem Meer, fing Fische, sammelte Algen und kratzte Muscheln von den schroffen Felsen. Von meinen Wanderungen her kannte ich mehrere verschwiegene Buchten, in denen besonders in der Nacht leicht Schiffe anlanden und wieder verschwinden konnten, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Ich beschloss, das Sladsch von hinten aufzuzäumen und begab mich in die mir am nächsten gelegene Bucht. In der Richtung, in der zwei der Senken lagen, die auf die Bucht wiesen, suchte ich den Boden ab. Die Gewächse dort lagen eng auf der Erde und bedeckten den Boden mit langen dünnen Ästen, die viele Dornen hatten. Die Blätter auf den Ästen waren schmal, so lang wie ein Dreggen-Finger, und sie hatten eine behaarte Oberfläche. Ihr Farbspiel reichte von dunkelrot bis schwarz. Selten danach habe ich eine Pflanze gesehen, die ich so widerlich fand. Der Boden darunter war hart und rissig. Er musste auch versalzt sein, denn bei Flut stieg das Wasser bestimmt bis dicht unter die Pflanzengrenze. Die Pflanze breitete sich aus wie ein Teppich und bot sich geradezu an, um über einen versteckten Eingang gezogen zu werden. Die Härte des Bodens konnte für einen dauerhaften Tunnel genau richtig sein." Das Abschweifen in die Beschreibung von Gewächsen und Böden schien das Publikum zu langweilen. Touben war enttäuscht, aber er konnte die Reaktion auch verstehen. Er beschloss, die Erzählung zu straffen und die Grimmschis zurückzuholen. "Ich hatte bereits drei Buchten abgesucht, ohne Erfolg, in der vierten aber wurde ich fündig. Hier gelang es mir, zwei der Pflanzenteppiche auseinander zu ziehen. Sie waren schon ein wenig verwachsen und ich holte mir blutige Hände, als ich sie an der Naht auseinander riss. Und da war er! Der Eingang zu einem Tunnel! Jetzt hielt mich nichts mehr auf. Ich zog und zerrte an den Pflanzen und ich glaube, ich ließ sogar meine Wut an ihnen aus, da ich erst an diesem Tag hinter das Geheimnis kam, wie die Grimmschis ihren Weg zur Küste fanden. Hinter den Pflanzen tat sich ein für mich immer größer werdender Eingang auf, durch den zwar niemand reiten konnte, aber selbst ein normal gewachsener Dreggen hätte ein Reittier an einem Zügel hindurch führen können. Den Gestank, der mir entgegenschlug, erkannte ich sofort wieder. Kein Zweifel, hier hatten die merkwürdigen Tiere der Grimmschis ihre Spuren hinterlassen. Ich wollte schon forsch in den Tunnel hineinmarschieren, da zögerte ich. Es hatte lange kein Brausen und Toben mehr gegeben, noch weniger hatte ich Grimmschis aus nächster Nähe gesehen, aber was wäre, wenn sie etwas im Tunnel zurückgelassen hätten? Im besten Fall Tiere, die auf Wache lagen, im schlimmsten Fall unsichtbare, verborgene oder magische Fallen. Und ich würde ein Opfer dieser Fallen werden? Das gefiel mir ganz und gar nicht. Nun, ich gebe es offen zu. Mitunter bin ich nicht nur dumm, sondern auch feige, außerdem war der Tag bereits weit fortgeschritten und ich war sehr hungrig. Ich deckte also den Eingang wieder notdürftig zu, beileibe nicht so gut, wie ich ihn vorgefunden hatte, dazu war ich zu ruppig bei seiner Entdeckung vorgegangen. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Nachts, auf meiner Pritsche liegend, machte ich Pläne, wie ich den Tunnel erforschen wollte. Ich dachte, wenn diese Reiter und diese fliegenden Dämonen auch eine Art von Räubern wären, hätten sie vielleicht etwas in dem Tunnel verloren. Vielleicht verbarg sich hinter diesem einfachen Eingang nicht nur ein schlichter Tunnel, sondern ein ganzes Labyrinth von Tunneln und vielleicht waren diesen auch Höhlen angeschlossen. Höhlen mit Schätzen darin vielleicht? Der große Touben sah sich schon als reichen Mann, das könnt ihr mir glauben!" Ein kollektives Aufatmen und Lachen ging durch die Reihen auf den Emporen. Wie Touben sehen konnte, hatten sich unbemerkt auch noch weitere Zuhörer versammelt. Seitlich der hölzernen Gerüste, auf denen die meisten seines Publikums saßen, waren Kinder in die Balkenkonstruktionen gekrabbelt und Wachsoldaten, deren Schicht vorüber war, lauschten seiner Geschichte mit den Armen auf ihren Schild gestützt. Fischer, deren Tagewerk nicht bis nach dem Wettbewerb hatte warten können, waren auch endlich mit ihrer Arbeit fertig und hatten es sich hier und dort mit einem Pfeifchen auf dem Boden sitzend gemütlich gemacht. Plötzlich wurde Touben die Größe des Anlasses bewusst. Er wagte nicht einmal zu schätzen, wie viele Zuhörer sich um ihn herum eingefunden hatten. Es war das größte Spektakel, das er je erlebt hatte. Nun, das größte Spektakel, bei dem er selber im Mittelpunkt stand, korrigierte er sich. "In jener Nacht fand mein beschauliches Leben in diesem Dorf auch sein Ende." Touben wies bereits in diesem Stadium auf das Ende der Geschichte hin. Wer ungeduldig sein mochte, wurde auf die Art noch einmal gefesselt, wer geduldig und gespannt war, wurde noch um ein vielfaches gespannter. "Mitten in der tiefsten Nacht wurde ich durch ein Wackeln geweckt. Die Wände wackelten, der Boden und das Bett auch. Es rüttelte und schüttelte die kleine Hütte durch, in der ich mittlerweile mein Obdach hatte und die ich mit niemandem teilen musste. Es rüttelte jedoch so heftig an meiner kleinen Hütte, dass der trockene Lehm, den ich zum Abdichten der Holzfugen genommen hatte, brach und herabrieselte. Zwischen den Ritzen hindurch sah ich Licht draußen auf den vorbeiführenden Dorfwegen und das Brausen und Toben, das von allen Seiten zu hören war, machte mir deutlich, welcher Schrecken das Dorf heimsuchte. Da wurde an meiner Tür gerüttelt. Ich legte ein Auge an eine Ritze im Holz und sah draußen Lichtfunken in der Luft tanzen und dunkle Umrisse auf vier Beinen vor dem Schein von brennenden Fackeln. Auch rüttelten sie an anderen Türen in der Nähe, wie sich zeigte, allerdings drangen sie nirgendwo gewaltsam ein. Das hinderte sie aber nicht daran, vereinzelt Fackeln auf die Dächer zu werfen, oder, dort, wo sie die Fensterläden bereits zertrümmert hatten, direkt in die Räume der bedauernswerten Bewohner." Touben besaß nicht die geringste Vorstellung, ob der Schluss seiner Geschichte den Zuhörern gefallen würde oder nicht. Freilich kam es auf den Schluss auch gar nicht mehr an, da er sein Konstrukt viel mehr auf Stimmung angelegt hatte und von Logik sowieso weit entfernt war. Ein Fehler? Natürlich folgten Geschichten auch immer Regeln. Aufbau, die Entwicklung der Charaktere, Beginn, Umschwung, Höhepunkt, Finale, Resultat. All das wusste Touben. Er wusste es sogar, bevor ihm diese Regeln und viele andere mehr nahe gebracht wurden, er hatte diese Regeln instinktiv angewandt. Insofern war er ein Naturtalent und hatte nie eine Schule der Erzähler besucht, wie es sie in einigen entlegenen Landstrichen geben sollte. Manchmal mussten die Regeln gebrochen werden. Auch darin lag der Sinn von Regeln. Diese Regeln waren schließlich von Sterblichen gemacht und nicht von Göttern. Touben hoffte, er habe seine Figur liebenswert genug dargestellt, damit die Zuhörer ihm verziehen, dass er das Dorf ins Verderben gezogen hatte. Kurz senkte Touben den Kopf. Sehr nachdenklich war er plötzlich. Er hatte natürlich kein Dorf ins Verderben gestürzt, denn der Großteil seiner Geschichte war frei erfunden. Manchmal verlor er sich in seiner Phantasie, verlor er den Bezug zur Realität. In einem Wirtshaus, nach ein paar Humpen, konnte das mitunter gefährlich sein, hier konnte es bedeuten, dass er den Wettbewerb sicherlich verlor. "Durch den Spalt sah ich, dass viele der Bewohner trotz ihrer brennenden Dächer in ihren Häusern blieben. Warum, kann ich nicht sagen. Ich sah, dass auch das Dach meiner Hütte Feuer gefangen hatte. Als der Rauch zu stark wurde und ich zu ersticken drohte, wenn ich noch länger geblieben wäre, schob ich den Riegel meiner Tür beiseite und hastete blindlings hinaus in die Nacht. Es war mein Glück, dass der Rauch und die Flammen mich auf dem Boden vor den Grimmschis schützten. Das grelle Licht und das Beißen des Rauches tat ihren Augen nicht wohl, weshalb sich viele abgewendet hatten, zumal in diesem Augenblick in der Hütte meines ersten Gastgebers etwas zerplatzte, vielleicht eines seiner Tranfässer, was sie noch mehr ablenkte. Ich lief in eine Gasse, der sie noch keine Beachtung geschenkt hatten, da es hier auch keine Fenster gab, aus der die Bewohner fliehen konnten. Ich wähnte mich kurzzeitig in Sicherheit. Eine trügerische Sicherheit, wie es sich zeigen sollte. Die Grimmschis mochten von den Flammen abgelenkt sein, die fliegenden Dämonen über mir waren es nicht. Wie sehr ich ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, bemerkte ich erst, als ich mich in den Klauen eines dieser Wesen wiederfand und in die Luft gerissen wurde. Ich werde diesen Flug nie vergessen." Touben klopfte auf seine Brust, seine Arme und Schultern. "Hier verletzten sie mich, zerfetzten meine Arme." Er zog den Umhang an seinem Hals herab, worauf eine lange Narbe sichtbar wurde, die von seinem Kinn herab bis unter die weitere Kleidung reichte. "Und hier schnitten ihre Klauen mir beinahe die Kehle auf." Die Zuhörer in den vorderen Reihen, die die Narbe hatten sehen können, stöhnten. "Es gelang mir, Umschau zu halten und ich entdeckte, dass ich nicht der einzige war, den sie gefangen hatten. Aber die wenigsten Gefangenen waren aus dem Dorf. Ich sah viele kleine Männer, und Frauen können es auch gewesen sein, mit langen Ohren und roten, wallenden Haaren. Viele hingen bewusstlos in den Klauen dieser Monster und wurden achtlos an Armen oder Beinen festgehalten. Verglichen mit ihrem geschundenen Aussehen hatte ich es noch gut getroffen. Trotzdem schien die Lage aussichtslos. Unter mir, im Dorf, sammelten sich die Grimmschis. Auch sie hatten Beute gemacht. Nicht viel, wie ich erleichtert sah. Ich vermutete, dass nicht wenigen die Flucht gelungen war, weil sie die fliegenden Dämonen schon lange vorher gehört hatten. Nur ich hatte so tief geschlafen, dass es mir entgangen war. Das geschah mir recht, befürchtete ich doch zu diesem Zeitpunkt schon, die Grimmschis und ihre geflügelten Kumpane angelockt zu haben, da ich ihren geheimen Gang ausfindig gemacht hatte. Obwohl ich dem Monstrum, dem ich neugierig gegenüber gestanden hatte, nun beinahe Wange an Wange klebte, wollte ich um nichts in der Welt lieber, als fort von ihm zu kommen. Die ersten fliegenden Dämonen änderten ihren Kurs bereits in Richtung des Landesinneren, die Grimmschis unten am Boden rückten ebenfalls ab. Ich wusste, je länger der Flug dauerte, desto geringer würden meine Gelegenheiten sein, der Meute zu entkommen. Mich hielt eine riesige Klaue dieser Kreatur. Mehr Kraft brauchte er für mich nicht, vielleicht hielt er es auch für geboten mit seiner Kraft zu protzen und absichtlich nur eine Hand zu benutzen. Da waren ein Daumen und drei Finger. Die Daumenspitze war in eine meiner Schultern geschlagen, zwei Fingerkuppen glaubte ich auch erreichen zu können. Wenn es nichts zu verlieren gibt, muss man dummdreist sein. Und so biss ich zu! Die Haut des Daumens war weicher, als ich gedacht hatte, aber ich schmeckte Dinge in meinen Mund, die an Ekelhaftigkeit wohl nicht zu übertreffen sind. Doch ich biss so fest zu, wie ich konnte, ungeachtet der Umklammerung und des Brüllens von dieser Kreatur. Ich biss sogar noch fester zu, als ich merkte, wie sich seine Finger lockerten und meine Zähne zerrten an seinem Fleisch, als das Monster vollends losließ und mich furchtbar knuffte, um mich ganz loszuwerden. Dann fiel ich. Aus welcher Höhe ich fiel, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass ich in das Dach eines der Häuser fiel, das von den Grimmschis mit ihren Fackeln verschont worden war. Danach wurde es sehr dunkel. Die Flammen draußen erstarben langsam. Ich lag zwischen all dem eingestürzten Gebälk, unfähig mich zu rühren, und wartete darauf, dass mich jemand finden würde. Irgendwann bin ich dann bewusstlos geworden." Die Empfindung war körperlich. Touben empfand sie nicht nur mit seinen Sinnen, den Ohren, den Augen oder der Nase. Er empfand sie mit Haut und Haar. Die Zuhörer hätten gerne noch mehr erfahren. Sie waren untröstlich, dass die Geschichte sich ihrem Ende näherte und Touben gestand sich, dass auch er traurig darüber war, wie die Zeit verstrichen war. Die Beamten, die den Wettbewerb beaufsichtigten, sahen mit ihren undurchdringlichen Mienen auf die Sanduhr, deren Körner unbeirrt durch das Nadelöhr in Höhe der Taille rannen. Und wahrhaftig blieb nicht mehr viel Zeit. So sehr hatte Touben seine Erzähldauer noch nicht während des Wettbewerbs ausgereizt. Die Zeit war zu schnell vergangen. Er war kein Kämpfer und es gab wenig in seinem Leben, aus dem er Befriedigung und Freude bezogen hatte. Das Erzählen gehörte dazu. Dieser Abend neigte sich dem Ende zu, der Wettbewerb war bald beendet. Die fünf Tage des Wettbewerbs waren die beste Zeit, die er je erlebt hatte. Touben wusste, er würde dieses Gefühl vermissen, schmerzlich vermissen. Aber das Leben ging weiter. Nichts anderes beschrieb er in seinen Geschichten. "Die Dorfbewohner fanden mich nach Stunden. Niemand ahnte meine Verbindung zu den Vorfällen und ich bin heute nicht einmal sicher, ob ich tatsächlich verantwortlich dafür bin. Es gab nie die Gelegenheit, danach zu fragen. Außerdem glaube ich nicht, dass die Dämonen oder die Grimmschis mir eine verständliche Antwort gegeben hätten. Die Zerstörungen im Dorf waren schwerwiegend, und es bedurfte einer Menge Arbeit, es wieder herzurichten. Ich packte an, so gut ich es vermochte und ich schämte mich während der ganzen Zeit. Der folgende Winter fiel, Kolra sei Dank, milde aus. Die Dorfbewohner hatten genug ertragen. Zwei Dutzend ihrer Leute blieben verschwunden. Sobald der Frühling wieder Einzug hielt, machte ich mich in der Nacht davon. Ich wählte den Weg an der Küste entlang und kam dabei auch an der Stelle mit dem Höhleneingang vorbei. Das Gewächs versteckte den Tunnel wieder so, wie ich ihn einst vorgefunden hatte und ich beließ es dabei." Eine letzte Pause. "Als ich mich nach Wochen der Hafenstadt Halmawat näherte, traf ich auf einen Zwerg mit großen Ohren und langen, feuerroten Haaren. Er gehörte zu jenem Volk, dessen Angehörige ich in den Klauen der fliegenden Dämonen gesehen hatte. Diesmal widerstand ich meiner Neugier, die mir soviel Ärger eingebracht hatte. Wenig später erreichte ich Halmawat. Ohne mein Zutun geriet ich in eine Wirtshausschlägerei. Ich musste in das Haus einer reichen Witwe flüchten. - Doch das ist eine andere Geschichte." Zeitgleich mit dem letzten fallenden Sandkorn in der Sanduhr beendete Touben seine Geschichte und nickte dankbar zuerst dem Publikum und dann den Beamten der Stadt zu. Er war sehr zufrieden mit sich. Touben gewann den Wettbewerb nicht. Seine Erzählkunst brachte ihn auf den dritten Platz. Somit war es ihm im nächsten Jahr gegönnt, von den besseren Erzählplätzen aus zu starten. Beim Verlassen der Stadt Chalia-Isla, in der er noch drei Nächte kostenlos hatte verbringen dürfen, kam ihm alles viel lebhafter, goldener vor. Der Himmel war blauer, die Zwillingsmonde größer, die Sonne herrlicher und sein Gang war befreiter. Er passierte das Stadttor in Richtung Halmawat. Sicherlich hatte es genügend Prügeleien in Wirtshäusern in seinem Leben gegeben, aber die Bekanntschaft mit einer reichen Witwe hatte er noch nicht gemacht. Das galt es nun nachzuholen. ENDE Urheber: Michael Nolden, Pescher Str. 235, 41065 Mönchengladbach - Die Veröffentlichung auf anderen Internetseiten als www.kleinerkrieger.de oder anderen Druckwerken ist ausdrücklich untersagt. |